Levi-Strauss und Montaigne

Von Montaigne zu Montaigne

levi strauss-von montaigne zu montaigneÜber die revolutionäre Bedeutung der Ethnographie

 

Die beiden, im Abstand eines halben Jahrhunderts gehaltenen, hier vorgestellten Vorträge des französischen Ethnologen , Anthropologen, Soziologen und Philosophen Claude Lévi-Strauss, die durch die Schriften von Montaigne verbunden sind, markieren  daher auch den Weg des anthropologischen Denkens in dieser Epoche.

Wie Emmanuel Desveaux in seinem etwas sperrigen Vorwort darlegt, erklärt der erste Text  von 1937 – vorgetragen vor Vertretern der Gewerkschaft CGT – Levi-Strauss war  einige Zeit Sekretär der sozialistischen Studentenschaft –  die als „Diffusionismus“ bekannte Theorie der Entwicklung und Ausbreitung des kuturellen Fortschritts und der daraus resultierenden , sich entwickelnden Gesellschaftsstrukturen, wobei die dem Verfahren innewohnende Diachronie den signifikanten Unterschied zu der evolutionistischen Theorie markiert, da sie sich über Zeit und Raum definiert.

Die Ausbreitung als solche wird zum Indiz und nicht zum ehrenrührigen Zeichen schöpferischer Unfähigkeit. Sie befreit sich von der Obsession des Fortschritts und seiner ursprünglichen Lokalisierung, indem sie vielmehr dazu auffordert, den Raum zu erkunden, um sowohl die Ausdehnung wie die Grenzen bei der Verteilung der Kulturelemente ausfindig zu machen.“

Für den Levi-Strauss von 1937 ist das dünne Band des sozialen Kontakts bei der Verbreitung der Kulturen stets auch  Garant für  eine gewisse Beständigkeit und stetigen  Fortschritt der Gesellschaften.

Nicht ganz ohne einen gewissen Rechtfertigungsdruck gelangt Levi-Strauss  zu der Behauptung, dass die Ethnographie eine revolutionäre Wissenschaft sei. Es liegt daran, dass erst der kritische, andere Blick von außen Relativismus  und kritisches Denken ermöglicht und uns in die Lage versetzt die „Andersheit“ primitiver Kulturen erkennen  zu können, den „edlen Wilden“ seiner Würde nicht zu berauben.

Wir sind also bei Montaigne. Um seinen Standpunkt zu untermauern, erkennt er  auch eine „bemerkenswerte Entwicklung der ethnographischen Wissenschaft“ dank der Revolution von 1917. Forscher gingen damals nach Sibirien und richteten erstmals ihre wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf  frühe Kulturen.  Levi-Strauss, der immer nur ein „minimaler Marxist“ war, ist diesem neuen  Weg nicht bedingungslos  gefolgt, denn nach 1927 fiel die Institution unter den Schatten des Stalinismus und wurde sofort geschlossen.

Der zweite Vortrag, ein halbes Jahrhundert später, markiert das Jahr 1992. Der 87-jährige Levi-Strauss liest drei Essays von  Montaigne und begleitet damit  André Thévet (1558) und Jean de Léry (1578) nach Südamerika. Lévi-Strauss lädt sein Publikum zu einer Plauderstunde ein. Er differenziert den Einfluss dieser beiden Forscher auf Montaigne indem er herausstellt, dass der letztgenannte hier auch einen wertvollen Forscher und Informanten hatte “ der zehn oder zwölf Jahre in dieser anderen Welt gelebt hatte“. 

Levi-Strauss erkennt mit sicherem Blick in Montaignes Werk „eine Skizze dessen, was später zur Theorie des sogenannten guten Wilden werden wird“, nämlich  immer auch die Möglichkeit einer Entwicklung zu einer „Andersheit„, die Chance der Entwicklung hin zu einer „vernünftigen Gesellschaft„, die zum Gesellschaftsvertrag und der Idee führt

„dass keine Gesellschaft barbarisch sein kann in Bezug auf die Kriterien der Vernunft, denn alle kulturellen Element haben ihre Funktion“.

Somit ist die Kenntnis des „anderen“ notwendig auch für die Kritik an der eigenen Gesellschaft.

Diese revolutionäre Bedeutung der Ethnographie hat Levi-Strauss vor allem als Intellektuellen beeinflusst. Alles in allem hat sie ihn veranlasst, den Vorrang des Unterbaus vor dem Überbau usw. aufzugeben. Dieser ganze pseudowissenschaftliche Plunder wird über Bord geworfen.“

Levi-Strauss Mythologica beschliesst die Luchsgeschichte. Und hier thematisiert er Montaignes Pessimismus und seinen berühmten Satz aus den Essaies:

Wir haben keinerlei Anteil am Sein“.

Jeder einzelne von uns sei eine Zitadelle der Idiosynkrasie, deren Wälle seien die Gewohnheit und die Meinung. Jede Gesellschaft bildet somit ein kohärentes Ganzes und Montaigne , der immer an seinem katholischen Glauben festgehalten hatte, bestreitet vehement jegliche Möglichkeit von Reformen. Indem man Elemente der Gesellschaft entferne oder verändere, laufe man Gefahr, sie zu zerstören.

In diesem Sinne, so Levi-Strauss, sei Montaigne Vorläufer des Funktionalismus, ja sogar des Strukturalismus in der Anthropologie gewesen.

Claude Levi-Strauss . Von Montaigne zu Montaigne – Suhrkamp . ISBN 978-3-518-29847-3

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