Sinclair Lewis – Main Street

sinclair lewis - main street - roman - manesse verlag  Sinclair Lewis

Main Street

 

Zum ersten Mal hatte ein Autor  in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewagt, eine Satire zu schreiben , welche die  typische Kleinstadt Amerikas wegen ihrer Kleinlichkeit, Heuchelei und Dummheit kritisierte. Es überrascht nicht, dass es eine kleine Sensation auslöste, als es 1920 veröffentlicht wurde. Ähnlich wenig überrascht, dass die meisten Veränderungen, die in den vielen Jahren seither in Kleinstadt-Amerika stattgefunden haben, größtenteils lediglich kosmetischer und oberflächlicher Natur sind.

Die Geschichte der Main Street beginnt in der Stadt. Die Protagonistin, Carol Milford, ist eine College-gebildete Frau, die ein bisschen mehr Dilettant ist, als sie selber gerne zugeben würde. Sie ist keine Künstlerin, sondern eine Verfechterin der kleinen Reformen. Es istauch nicht die Kunst oder ihr Reformwille, die sie ins Land bringt; eher ist es die Liebe von Doktor Will Kennicott. Die beiden heiraten. Nach einer Hochzeitsreise in den Rocky Mountains kehren sie in die Heimatstadt des Arztes Gopher Prairie in Minnesota zurück – eine fiktive Stadt mit ein paar tausend Einwohnern, einem Bahnhof, mehreren Kirchen und eben einer Main Street. Eine mainstreet wie es sie überall in den USA gab und noch heute gibt.

Obwohl Kennicott glaubt, dass die Stadt eine echte Idylle ist, sind Carols erste Eindrücke von Gopher Prairie sehr viel weniger als positiv. „Nur Kennicott war außergewöhnlich“, schreibt Lewis. Carol jedoch ist überzeut , dass sie Gopher Prairie reformieren kann. Sie glaubt, dass sie etwas mehr Kultur in die Stadt bringen und ebenfalls seine Straßen und Gebäude verschönern kann, was diese gebrauchen könnten.

Das Problem ist natürlich, dass Gopher Prairie in den Augen seiner Bewohner nichts falsches ist:

„Wenn die Leute uns einfach so nehmen, wie wir sind, denke ich, dass wir ein ziemlich guter Haufen sind!“,

Und diese Verweigerung jeglicher Veränderung treibt den Roman voran. Der Konflikt in Main Street ist, dass Carol sich nicht anpassen kann. Sie kann nicht selbstgefällig sein oder sich mit dem zufrieden geben, was sie als die Mittelmäßigkeit und Engstirnigkeit empfindet , die das Leben in Kleinstadt-Amerika seit jeher bis heute definieren. Sie will einfach ein großes, ein episches Leben.

Zusätzlich zu dem komisch-provinziellen Dialog gibt es zwei Dinge, die besonders auffallen . Das erste ist, dass der politische Diskurs unter Konservativen heute weitgehend der gleiche ist wie damals. Während die Linke die Sprache von  Gopher Prairies Red Swede schliesslich abgelegt hat, um sicherzustellen, dass alle auf dem Campus einen  Platz bekommen, hält die Rechte weiterhin an diesen ewigen Wahrheiten fest, die von Champ Perry, dem Gründer der Stadt so formuliert werden:

„Alle Sozialisten sollten gehängt werden.“

Während Carol das Gefühl hat, dass sie den neugierigen Blicken der Einwohner der Stadt nie entkommen kann, von denen viele nichts zu tun haben außer zu klatschen und ihre Nachbarn auszuspionieren, liegt das nicht an einer ihnen angeborenen Neugier. Es liegt ganz einfach daran, dass diese gleichgültigen, gelangweilten und daher stumpfsinnig gewordenen Individuen während ihres langen und langweiligen Tages tatsächlich keine anderen  Unterhaltungsmöglichkeiten haben.

Die kleinen Skandale um Fräulein Mullins oder den Jungen der Witwe Bogart oder den sonderbaren Schneider und die Frau des Arztes breiteten sich  naturgemäss anno 1917 wie ein Lauffeuer aus.

Bad news travel like wildfire, good news travel slow !

Das heißt nicht, dass es den Bewohnern von Gopher Prairie im Jahr 2018 völlig gleichgültig wäre, ob solche Skandale  in ihrer Kleinstadt aufgedeckt würden. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings eher geringer geworden.. Anstatt wegen kleiner Schummeleien oder der Seitensprünge frustrierter Ehefrauen und Ehemänner  in der  Stadt zu tratschen, wären die meisten Schwätzer der Stadt  heute wohl zu sehr damit beschäftigt, mit den Eskapaden von Trump und den Kardashians auf em Laufenden zu bleiben. Das ist harte Arbeit genug…

Eine amüsante, bissige und erhellende kleine Story über die Vorfahren der Trump-Wähler. Sehr unterhaltsamer Lesestoff.

Sinclair Lewis – Main Street – Manesse Verlag –  ISBN 978-3-7175-2384-0

 

Samuel Beckett in Frankreich

Jo Baker 

jo baker - ein ire in paris - roman - knaus verlag Ein Ire in Paris

Es ist immer ein Wagnis zu versuchen, in den Kopf eines Mannes einzutreten, der für seinen lebenslangen Rückzug und sein Schweigen bekannt war, aber Baker gelingt es glänzend in einer Prosa, die sowohl intim als auch streng ist, mit einer unaufdringlichen, typisch Beckettschen Stimme.

Im Mittelpunkt des Romans steht Becketts Beziehung zu Suzanne, einer lebenslangen Begleiterin und später seine Frau, von der er 1939 in einem Brief an einen Freund schrieb:

„Es gibt da auch eine Französin, die ich leidenschaftslos mag,  die ist sehr gut zu mir. “

Sein Bedürfnis nach Einsamkeit und Distanz stellt sich gegen ihre Kombination aus Unterstützung und Verzweiflung. In seine Notizbücher spähend, die schwarz sind von den unzähligen Streichungen, kommt ihr einmal der  bestürzende Gedanke, dass

alles, was hier erreicht wurde,  nichts sein könnte als die Verschwendung von Papier, Tinte und Zeit „. 

Am Ende des Krieges gibt es tatsächlich eine Kluft zwischen ihnen, sowie eine bekannte, erschöpfte Vertrautheit. Es gibt einen sehr bezeichnenden Moment, als sie vor den anrückenden  Deutschen fliehen. Er streckt ihr den helfenden Arm entgegen, sie überlegt für den Bruchteil einer Sekunde, ob es nicht besser wäre, diese ausgestreckte, helfende Hand nicht mehr zu ergreifen. Aber naturgemäss greift sie zu. Sie lassen nicht voneinander.

„Warten auf Godot“ diese  Metapher für die lange Wanderung  ins Roussillon. Baker nimmt den Titel des Originals „A Country Road, a Tree“ von der knappen Beschreibung, die den Schauplatz zu Beginn des ersten Aktes skizziert, und Becketts und Suzannes ermüdenden Streit darüber, wo sie die Person treffen sollen, der sie über die Grenze in die Freiheit bringen wird, nimmt schon die berühmte Szene von Vladimir und Estragon vorweg.

 „Monsieur wird sicher morgen kommen“, sagt Beckett. „Es ist morgen“, antwortet sie. 

Der Leser ist mittlerweile daran gewöhnt, die Schrecken des 20. Jahrhunderts aus der Distanz zu betrachten – wie die Flucht aus Paris beim Herannahen der deutschen Truppen, den Beckett hier als „Müllhalde, ein Haufen Müll“ erlebt, das Elend einer fliehenden Menschheit.

Eine Kriegsbesessenheit mit zerlumpten Stiefeln und wunden Füßen, mit Rüben, die von Feldrändern gesammelt wurden, die in den Mund gestopften kleinen Steine die den entsetzlichen Durst lindern sollten , erscheinen in späteren Romanen ebenso wie in den Dramen, während Themen von Einsamkeit und Stoizismus von Baker  klar aber unaufdringlich in den Vordergrund gestellt werden. Dieser alte Mann, bei dem Beckett sich unter Dielen versteckt und mit dem er sich eine Flasche zum Pinkeln teilen muss, könnte durchaus ein Charakter aus seinen eigenen Texten sein: „Er furzt nicht so viel, wie man befürchten könnte. „

Im Roman erlebt der Leser Beckett anfangs auch an den Rockschössen und im Schatten des großen  James Joyce in einer Beziehung, die eine fatale Mischung ist aus Anbetung, Dankbarkeit und Groll. (Baker gibt uns ein schön skizziertes Porträt des alternden James Joyce, der ununterbrochen mit seinem unvermeidlichen Stock und seiner Brille herumfuchtelt. Seine Arbeit mit dem Widerstand, diese wortwörtlich „stille Gewohnheit“ ist seine Tugend –  und sie zeigt auch die Kraft der Worte, die eine Welt zu verändern suchen.  Unermüdlich trägt er die Informationen zusammen, die „Flugzeuge aus einem klaren Himmel zaubern.“ Er hält die geheimen Berichte im Murphy-Manuskript versteckt, „was bei weitem der sicherste Ort ist, um etwas zu verstecken, das die Leute nicht lesen sollen“.

Diese eher dokumentarischen Rückblicke gesetzt gegen die freie  Fiktion geben dem Roman einen erhebenden Bogen, wobei er damit auch Becketts berühmter Epiphanie nahe kommt

Baker präsentiert seine Zeit in Roussillon, als er „Watt“  schrieb , als Jahre einer anstrengenden,  geradezu geistesabwesenden Arbeit – nicht als Zusammenbruch. Beckett vewahrte alles bis nach dem Krieg und das erhaltene Rohmaterial ist nichts weniger als sensationell: sich in Bäumen verstecken, um den Nazis zu entgehen, einen Gefährten zu sehen, der sich aus einem Fenster stürzt, ein Grab für tote deutsche Soldaten zu graben , eine Bombe mit Topfgeranien tarnen …  Baker beschreibt das alles in trockenen, ruhigen Tönen und zeichnet Beckett  in seiner später formulierten Haltung

„Ich kann nicht weiter, ich werde weitermachen, ein Akt des Widerstands“.

Muss der Leser sich unbedingt für Beckett interessieren, um dieses Buch zu lesen? Nicht unbedingt, aber es  ist  eine  spannende, großartige und außergewöhnliche Geschichte, die ein neues Licht auf ein verzweifeltes Individuen wirft, das wie wir alle im Lauf der Geschichte gefangen ist, und wie es ihm dennoch gelingt, dieses Leben, seine Einsamkeit und Verzweiflung in Kunst zu verwandeln. Jo Baker ist eine überaus talentiert, seltsame und entschlossene Erzählerin, und ihr Buch fasziniert von der ersten bis zur letzten Zeile.

Jo Baker – Ein Ire in Paris – Knaus Verlag – ISBN 978-3-8135-0754-6

http://www.knaus-verlag.de

Eric Kandel – Kunst und Erkenntnis

Das Zeitalter der Erkenntnis

Wissenschaft und Kunst im Dialog

Das Zeitalter der Erkenntnis von Eric KandelEric Kandel erforscht die Wiener Moderne

 

Das Zeitalter des Erkennens

.. ist eine akribische  Erforschung  der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft. Der Nobelpreisträger Eric Kandel vertritt hier eine Renaissance des Dialogs zwischen Kunst und Wissenschaft und beschreibt die Ergebnisse solcher Kollaborationen mittels seiner tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Wiener Moderne.

Dieser brillante Text  ist eine Verbindung von der Kunst von Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele, auch bekannt als Wiener Moderne, und seinem eigenen Lebenswerk in der Neuropsychiatrie. Kandel wurde 1929 in Wien geboren und zog 1939 nach Brooklyn, New York. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für seine Forschung zur Gedächtnisspeicherung in Neuronen. Während der Vorbereitung auf einen Vortrag im Jahr 2001 brachte Kandel  erstmals die Wiener Modernisten mit der Wiener Schule für Medizin und Psychoanalyse in Verbindung. Die Prämisse von  Das Zeitalter des Erkennens  wurde an diesem Tag  öffentlich präsentiert.

Kandel umreißt mit diesem erstaunlichen Werk seine Vision, einen kontinuierlichen Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft zu ermöglichen.  Der Wissenschaftler  plädiert für die Konvergenz verschiedener Studien auf der Suche nach einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unseres Verständnisses der Geisteswissenschaft (das Ergebnis der Verschmelzung von Kognitionspsychologie und Neurowissenschaft) und der kreativen  Bereiche. Kandel schlägt vor:

„Solche Dialoge könnten uns helfen, die Mechanismen im Gehirn zu erforschen, die Wahrnehmung und Kreativität ermöglichen, sei es in der Kunst, den Wissenschaften, den Geisteswissenschaften oder im Alltag. In einem erweiterten Sinn könnte dieser Dialog dazu beitragen, dass Wissenschaft Teil unserer gemeinsamen kulturellen Erfahrung wird „. 

Er benutzt Wien in den frühen 1900er Jahren, um zu zeigen, wie reich und kooperativ ein solcher Dialog sein kann, der zu neuen Einsichten nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Kunst führte.

Das Argument für eine Auferstehung der Dialoge der Wiener Moderne ist durchaus diskutabel. In der Tat ist Kandels Abhandlung auf  knapp 700 Seiten von  vielen gut recherchierten, geprüften und beredten Beispielen dafür, wie verschiedene Disziplinen die Erschließung neuer Grundlagen in anderen Disziplinen inspiriert haben. Kandel baut sein Modell sorgsam Schicht um Schicht und schafft ein tiefes, reiches Mosaik, das Künstler, Philosophen, Psychologen, Psychoanalytiker, Neurowissenschaftler und Schriftsteller miteinander verbindet, um zu demonstrieren, wie sie sich  in ihrem scheinbar getrennten Arbeitsfeldern  gegenseitig  positiv beeinflusst  und inspiriert haben.

Jedes Kapitel baut auf den Beweisen auf, die er im vorherigen Kapitel geliefert hat. Die Fertigstellung eines Kapitels gibt dem  Leser einen Vorgeschmack auf das, was im nächsten folgen wird. Selbst wenn er tief in die Erklärung der Funktionsweise des menschlichen Gehirns vertieft ist, lässt Kandel kleine Edelsteine ​​fallen, etwa wenn er den Prozess des Sehens beschreibt, erklärt er wie das Gehirn interpretiert, was wir als „keine Kamera, sondern ein homerischer Geschichtenerzähler“ sehen.

Die ersten Kapitel sind eine fesselnde Geschichte der drei Künstler Klimt, Kokoschka und Schiele, komplett mit den  Bildern ihrer Werke, die Kandel im gesamten Buch erforscht und zitiert. Ihr Stil und ihre Einflüsse einschließlich Biologie, Medizin und Psychoanalyse werden umfassend erforscht. Es wird außerdem untersucht, wie die Erfindung und Popularität der Fotografie die Künstler  hinderte, weiterhin Gemälde von Porträts und Landschaften anzufertigen, es wird klar, wie diese Entwicklung den Künstlern die Freiheit gab, sich dem Selbst und dem  Wesen des Unbewussten zuzuwenden. In der Folge ging jeder dieser drei Künstler seinen  ganz eigenen Weg, um die inneren Abläufe des Geistes zu erforschen und kennenzulernen.

Doch die Künstler waren nicht die einzigen, die zu dieser Zeit das unbewusste Wirken von Geis und Psyche in Wien erforschten. Im Spannungsfeld zwischen Leben und Werk von Klimt, Kokoschka und Schiele ist der bahnbrechende Einfluss von Sigmund Freud und seinem genialen Verständnis des Unbewussten verwoben. Freuds Beiträge zu unserem Verständnis des Geistes werden umfassend untersucht, und Kandel bezieht sich auf Freuds nachhaltigen Einfluss auf die Welt der Psychologie und die Wissenschaft des Gehirns. Kandel stellt nahezu eine Parallele zum Werk Freuds her und seiner Arbeit mit der der Wiener Moderne und untersucht penibel, wie  damals die Wissenschaftler und Künstler das Unbewusste erforschten.

Kandel zeichnet in diesem umfangreichen Text ein klares Bild des wechselseitigen Einflusses zwischen Kunst und Wissenschaft, indem er die Wiener Moderne als Vorbild und Anker im ganzen Buch verwendet. Auf diesem sicheren Fundament führt Kandel den Leser  in die 1930er Jahre und beschreibt, wie die Kognitionspsychologie mit der Entwicklung einer kognitiven Psychologie der Kunst oder

einer interdisziplinären Wahrnehmungs- und Emotionspsychologie in die Kunstgeschichte eingeflochten wurde mit der Idee, dass sie  letztlich den Weg für einen biologischen Zugang zu Wahrnehmung, Emotion und Empathie bereiten können“. 

Dies kam schließlich zum Tragen, da die Zusammenarbeit zwischen Gehirnbiologie und kognitiver Psychologie zu einem besseren Verständnis dessen geführt hat, wie wir Kunst sehen und darauf reagieren. Kandel erklärt, dass die Wissenschaft Beweise dafür liefert, wie wir auf Kunst reagieren, aber dass Kunst

Einblicke erlaubt, wie sich eine bestimmte Erfahrung anfühlt. Ein Gehirn-Scan kann die neuralen Anzeichen einer Depression zeigen, aber eine Beethoven-Symphonie zeigt, wie sich diese Depression anfühlt. Beide Perspektiven sind notwendig, wenn wir die Natur des Geistes vollständig erfassen wollen, aber sie werden nur selten zusammengebracht“. 

Der Leser wird  mit einem neuen und tieferen Verständnis dafür belohnt, wie wir Gefühle wahrnehmen, verarbeiten, Informationen verarbeiten und  Kunst sehen und darauf reagieren.

Eine der faszinierendsten Erkundungen und  ist die Wissenschaft bezüglich der Rezeption eines Kunstwerk. Der Betrachter ist seit langem eine bekannte Größe im Kunstverständnis. Künstler wie Leonardo da Vinci haben die kritische Rolle des Betrachters erkannt. In Wien der 1930er Jahre haben Kunsthistoriker das Konzept des Anteils des Betrachters ausgearbeitet und eine neue Theorie über die Rolle des Betrachters entwickelt. In den letzten zwei Jahrzehnten, mit Fortschritten in der Neurowissenschaft, haben wir jetzt ein noch klareres Bild davon, wie man Kunst betrachtet und darauf reagiert.

In Erforschung der Wiener Moderne bemerkt Kandel, wie die Künstler die Beziehung zum Betrachter verändern wollten: als die Künstler ihr eigenes Unbewusstes erforschten, Klimt und die Wiener Moderne versuchten, die Beziehung zum Betrachter zu verändern, indem sie den

Zuschauern Kunst und sich selbst in einer neuen, emotional introvertierteren Art und Weise näher brachten, dass sie Psyche des Dargestellten erkennen konnten und somit auch die unbewussten Ängste und Triebe in jedem erfahrbar machten „.

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Der Autor beschreibt die historischen Schritte, die zu aktuellen Erkenntnissen in der Wissenschaft des Geistes führten,  und er führt damit zu einem besseren Verständnis dessen, wie wir heute Kunst wahrnehmen.  Durch die eingehende Erforschung des menschlichen Gehirns illustriert er den Text noch einmal nachhaltig und verweist fortwährend auf die Werke der Wiener Moderne.  Der Leser erfährt viel neues zu den bahnbrechenden Werken von Klimt, Kokoschka und Schiele, während  der Text detailliert beschreibt, wie das Gehirn die verschiedene Aspekte eines Kunstwerks wahrnimmt.

Der Autor zeigt auf, wie Künstler, einschließlich Klimt, Kokoschka und Schiele, und sogar Künstler vor ihnen ein tieferes Verständnis davon hatten, wie wir als Betrachter die Kunst sehen und erleben, bevor die Wissenschaft überhaupt Beweise dafür hatte. So wurden beispielsweise Porträts von Kokoschka und Schiele, seien es Selbstporträts oder Porträts von anderen, häufig mit direktem Blickkontakt gemalt. Kandel erklärt uns nun mit seiner Wissenschaft, dass dies das Gehirn dazu zwingt, anders zu reagieren, als wenn man auf ein Porträt schaut, in dem die Augen des  Portaitierten  nicht auf den Betrachter fokussiert sind. Mit solchen , scheinbar nebensächlichen Beispielen bringt Kandel die Welt der Neurowissenschaft  der Welt der Kunst näher;  sie illustrieren deutlich, wie die Künstler oft intuitiv wussten, was die Wissenschaft soeben erst entdeckt.

Kokoschka griff in seinen Gemälden und Porträts eher auf den emotionalen Gebrauch von Farbe als auf den konventionellen, realistischen Farbgebrauch zurück und erhöhte damit gezielt und bewusst die emotionale Wirkung seiner Bilder auf den Betrachter

Der Autor hält fest, dass

Kunst ein lustvoller und lehrreicher Versuch des Künstlers und des Betrachters ist, miteinander zu kommunizieren und den kreativen Prozess zu teilen, der jedes menschliche Gehirn charakterisiert – ein Prozess, der zu einem Aha-Erlebnis führen kann. Diese plötzliche Erkenntnis, die uns erlaubt, die Wahrheit zu sehen, die sowohl der Schönheit als auch der Hässlichkeit zugrunde liegt, wie sie der Künstler darstellt „

Der Leser sollte sich nicht von Kandels dickem Buch einschüchtern lassen. Er schreibt sehr eloquent und mit  viel Humor. Die Funktionsweise des  menschlichen Gehirns kann ziemlich technisch-funktional sein, aber der Kern dieses  nun auch als Tachenbuch erschienenen Werks und die hier offengelegten wissenschaftlichen  Erkenntnisse und Einsichten sind für jeden lesenswert, der neugierig und bereit ist, einige Zeit mit diesem wunderbaren Buch  zu verbringen, um zu erfahren, wie menschlicher Geist und Verstand funktionieren und was das für die Rezeption von Kunst bedeutet.

 

00000000000- Ein Besucher der Schirn-Kunsthalle betrachtet eine Aktzeichnung von Egon Schiele

Akt von Egon Schiele und sein Betrachter

 

Eric Kandel – Das Zeitalter der Erkenntnis – Pantheon Verlag – 700 Seiten – ISBN 978-3-570-55241-4

 

Thomas Pynchon über Melancholie

Die Trauer der Moderne

 

„Als  „Bartleby der Schreiber: Eine Geschichte der Wall Street“ 1853 erschien hatte der Dämon Melancholie den letzten religiösen Anschein bereits verloren und war jetzt nichts Geringeres als ein Verstoß gegen die  vulgären Ausschweifungen einer entfesselten Ökonomie. Mitten im Räuberhauptmann-Kapitalismus entwickelt der Protagonist das, was sich als die finale Tristesse erweisen soll.

Es ist wie eine dieser Erzählungen, in denen der Desperado immer wieder die Art von Entscheidungen trifft, die ihn unausweichlich dem ultimativen und schlimmen Finale näher bringen.Bartleby sitzt dort in einem Büro an der Wall Street und sagt: „Ich würde es lieber nicht tun.“ Während sich seine Möglichkeiten immer mehr verengen, wird sein Arbeitgeber, ein unantastbarer Mann von einiger Statur, dazu gebracht, die Koordinaten seines eigenen Lebens in Frage zu stellen.

Miserabler Schreiber – dieser Schriftsteller, der, obwohl er naturgemäß zu den Niedrigsten in der Arena des Kapitalismus zählt, sich standhaft weigert,  weiterhin mit der herrschenden Ordnung zu interagieren.

So stellt sich sofort die interessante Frage: Wer oder was ist schuld an diesen angepassten Feiglingen und Mitläufern, allesamt Personen, die geradezu gednkenlos und gewohnheitsmäßig mit der Wurzel allen Übels kollaborierten und all diese unmoralischen Dinge tun als Gegenleistung für einen Gehaltsscheck und ein schäbiges, stressfreies Leben.

Besser nichts tun? Du beharrst in Trauer? Um in Trauer zu bestehen?

„Bartleby“ ist auch das erste große Epos einer entleerten Moderne, auf das bald Werke von Kafka, Hemingway, Proust, Sartre, Musil und anderen folgen werden. Schauen Sie auf die Liste Ihrer  bevorzugten Autoren und Sie werden sehr schnell den Helden treffen und kennenlernen, der  nicht ohne Stolz, Hochmut und Ironie seine  Trauer trägt, die unserer eigenen Zeit so eigentümlich ist. “

Aus Thomas Pynchons Erzählung: „Sloth – näher meine Couch zu Dir“.

About James Joyce #2

James Joyce

Ein Portrait des Künstlers als junger Mann

 

Vor hundert Jahren sorgte die Veröffentlichung von James Joyces Porträt des Künstlers als junger Mann bei Schriftstellern und Kritikern für solche Bestürzung und Empörung, dass die literarische Welt in den folgenden Debatten über ihre Verdienste und Methoden gespalten war.

Ein Rezensent in beklagte, dass“ sein Stift, anstatt auf die Sterne über ihm zu zeigen, auf einen Misthaufen deutet. Ein einflussreicher Literaturredakteur der Zeit, in einer höhnischen Rezension beurteilte den Roman formlos und schloss, dass „es zweifelhaft ist, ob er aus Joyce einen Romanschriftsteller machen wird.“

Trotz ihrer schonungslosen Kritik haben die gleichen Kritiker die Qualitäten des Romans zugegeben. Man erkannte auch damals durchausdass Joyce „Prosa-Instrument eine bemerkenswerte Krat besitzt. Nur wenige zeitgenössische Schriftsteller sind so vielseitig ; seine Methode variiert mit dem Thema und versagt nie. “

Die stark negativen Reaktionen trotz Joyces literarischer Begabung zeigen, was Literatur wirklich ist. Joyce wurde beschuldigt, die gesellschaftlich akzeptierten Konventionen überschritten zu haben und gewisse ungeschriebenen Regeln, was man äußern konnte und was unausgesprochen bleiben sollte und musste, nicht beachtet zu haben. Das stimmte naturgemäß  und war ein Teil von Joyces literarischen Bemühungen. Der herrschende und beherrschende viktorianische Sinn für „Moral und Anstand“ beruhte auf den überholten Begriffen einer Konvention, die sich in Heuchelei verwandelt hatte.

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Joyces Ziel war es, jene Haltung zu verunglimpfen, die sich als symptomatisch für die Übergänge von der viktorianischen zur modernen Zeit erwies. Trotz und sogar gegen die Versuche, abweichende Stimmen in Literatur und Kunst zu unterdrücken, war es offensichtlich, dass das literarische Feld  von Joyce und anderen völlig neu beackert wurde. Auch wenn  Porträt des Künstlers als junger Mann in der tradierten Form eines Bildungsroman geschrieben wurde, sprach er mit moderner Zunge.

Ein Teil des Grundes könnte auch reiner Rassismus gewesen sein, denn man vergisst leicht,  dass die Iren auch die „kolonisierten“ Menschen ihrer Zeit waren, und auch ein Autor wie James Joyce  wurde mit der Herablassung behandelt, die die Kolonisatoren den Kolonisierten, besonders denen auf dem Gebiet der Literatur, zukommen ließen. Eine frühere Version seines Romans hieß in der Tat Stephen Hero , der Titel der beliebten irischen Ballade Turpin Hero .

Der Protagonist trägt den Namen Stephen Dedalus, der auf den griechischen Mythos des Daedalus anspielt und so den Roman in einen klassischen Bezug stellt. Dem Roman ist eine Inschrift aus Ovids Metamorphosen vorangestellt  .

Daedalus war ein Erfinder, Handwerker und Baumeister aus Athen am Hof ​​von König Minos auf Kreta. Er hatte ein Labyrinth für den König gebaut, um den Minotaurus einzusperren. Er verlor den Schutzdes Königs, nachdem der König entdeckt hatte, dass Daedalus Prinzessin Ariadne geraten hatte, Theseus eine Schnur zur Verfügung zu stellen, damit er nach der Ermordung des Minotaurus den Weg zurück aus dem Labyrinth finden könne.

Der König inhaftierte Daedalus und seinen Sohn Ikarus im Labyrinth. Wissend, dass er seinem architektonischen Wunderwerk nicht entkommen konnte, baute Daedalus riesige Flügel mit mit Wachs verklebten Korbweidenästen. Daedalus und Ikarus flohen aus dem Labyrinth, trotzten der Schwerkraft und gewannen die Freiheit. Doch Ikarus, der entgegen dem Rat seines Vaters der Sonne zu nahe kam, ging zugrunde. Die Inschrift beschreibt diesen kreativen Moment, als Daedalus den Prozess der Zusammenstellung der Zweige einleitet, um die Flügel zu formen.

Die Inschrift und der mythische Name, dessen wörtliche Bedeutung „listiger Kunstfertiger“ ist, bilden den Rahmen, in dem der Roman und der Protagonist angesiedelt werden sollen. Die Motive des Gerissenen, Erfindungsreichtums, der Freiheit, des Labyrinths durchdringen die Erzählung.

Die Geschichte des Romans ist einfach und zeigt die Entwicklung des Protagonisten von der Kindheit bis zur Jugend, als er seine künstlerische Berufung entdeckt. In der Eröffnungsszene trifft die äußere Realität auf Dädalus ‚kindlichen Geist, imitiert von der Sprache und den syntaktischen Strukturen. Während sich sein Bewusstsein entwickelt und er intellektuell reift, werden Sprache und Bilder zunehmend komplexer und zeigen, wie Ideen und Realität im menschlichen Verstand heranreifen.

Während er liest und reflektiert, wird er sich der Macht der Ideen und seines eigenen Intellekts bewusst. Überall um ihn herum muss er sich mit der politischen, sozialen und religiösen Welt Irlands auseinandersetzen. Trotz seiner wachsenden Einsichten sieht er sich von allen abweichend. Hier bieten ihm Kontemplation und Analyse Trost und führen ihn zu einem neuen Weg, als er instinktiv die Heuchelei und die Falschheit der Lebenssituation seiner Zeitgenossen spürt.

Er erkennt, dass die Sitten und Normen dieser Gesellschaft in einer überkommenen Welt und in falscher Ethik und Moral verwurzelt sind. Diese schaffen die Labyrinthe für die, Menschen, die in diesen Gesellschaften leben müssen und entwerten damit nicht nur das Leben sondern auch die menschliche Vorstellungskraft.

Die irische Geschichte und Politik bilden dieses Labyrinth, und die verkalkten Institutionen ein anderes, und von diesen beiden befreit er sich durch seine Flucht. Es ist die Kunst, die ihm die Flügel und kreativen Freiheiten schenkt. Dies führt zu seiner endgültigen Erkenntnis, dass sein Lebensinhalt ist:

„Leben, irren, fallen, triumphieren, Leben aus dem Leben neu erschaffen!“

– ein humanistisches und zugleich ästhetisches Manifest.

Im Roman verfeinerte und vervollkommnete Joyce die Technik des zentralen Bewusstseins, um Dedalus‘ Subjektivität der äußeren objektiven Realität gegenüberzustellen. Es ist eine subtile Methode, da es ihm hiermit gelingt, den Leser in den Kopf des Protagonisten zu versetzen, so dass die Intimität zwischen den beiden unauffällig wächst. Diese Intimität lässt uns Dedalus Isolation und Entfremdung von innen erfahren. Wir spüren sein akutes Gefühl der Entbehrung,  nämlich dass die zentralen Institutionen –  politische, religiöse und auch kulturelle – seine kreative Entwicklung ersticken. Er erkennt intuitiv, dass ästhetisches Bewusstsein für einen Künstler kaum von moralischen Werten zu trennen ist.

Joyce entlehnt der Religion den Begriff der Epiphanie, den er als

„eine plötzliche spirituelle Manifestation, ob in der Vulgarität der Rede oder der Geste oder in einer denkwürdigen Phase des Geistes selbst“

beschreibt. In einer Szene des Romans erlebt Dedalus die Epiphanie, die ihn von seiner künstlerischen Berufung überzeugt.

Was ein einfaches Bild war, konnte für ihn zu einem Anblick werden, der ihn erhebt und in eine höhere Sphäre der Spiritualität versetzt, die Joyce und seine Modernisten immer als den wesentlichen Zweck der Kunst erkannt hatten. Es ist die Entdeckung dieser künstlerischen Absicht, die es Dedalus erlaubt, den engen Normen des Nationalismus und der Religion zu entgehen.

Institutionen, die den Verstand, das Herz und die Seele fesseln und Angst und Einschüchterung als Mittel einsetzen, um Konformität durchzusetzen, das ist es, wogegen sich Dedalus als Künstler einsetzen muss. Obwohl im Jahr 1916 veröffentlicht, untersucht Joyce bereits eine der zentralen und Fragen der postkolonialen Literatur:

Um zu der Lampe zurückzukehren, sagte er, die Füllung sei auch ein kleines Problem. Sie müssen ein reines Öl nehmen, und Sie müssen vorsichtig sein, wenn Sie es hineingießen, um es nicht zu überfüllen, und mehr hineingeben, als der Trichter fassen kann.

Welcher Trichter? fragte Stephen.

Der Trichter, durch den Sie das Öl in Ihre Lampe gießen.

Das? sagte Stephen. Wird das ein Trichter genannt? Ist es kein Tundish?

Was ist ein Tundish?

Das. Der Trichter.

Wird das in Irland ein Tundish genannt? fragte der Dekan. Ich habe nie das Wort in meinem Leben gehört.

Es heißt Tundish in Lower Drumcondra, sagte Stephen lachend, wo sie das beste Englisch sprechen.

Ein Tundish, sagte der Dekan nachdenklich. Das ist ein sehr interessantes Wort. Ich muss dieses Wort nachschlagen. Auf mein Wort, das muss ich.

Der Dekan wiederholte das Wort noch einmal.

Tundish! Nun, das ist interessant!

Die Frage, die du mir vorhin gestellt hast, scheint mir interessanter zu sein. Was ist diese Schönheit, die der Künstler aus Klumpen von Ton zu erschaffen versucht, sagte Stephen kalt.

Das kleine Wort schien seine Feinfühligkeit gegen diesen höflichen und wachsamen Feind geweckt zu haben. Er fühlte dass der Mann, mit dem er sprach, ein Landsmann von Ben Jonson war. Er dachte:

Die Sprache, in der wir sprechen, ist seine, bevor sie mir gehört. Wie anders sind die Worte zu Hause, Christus, Bier, Meister, auf seinen Lippen und auf meinen! Ich kann diese Worte nicht ohne Unruhe sprechen oder schreiben. Seine ihm so vertraute und mir so fremde Sprache wird für mich immer eine erworbene Sprache sein. Ich habe seine Worte weder geschaffen noch akzeptiert. Meine Seele steht im Schatten seiner Sprache.

Als ein kolonialisierter „anderer“ erkennt Dedalus die Wahrheit, dass das Beherrschen einer Sprache irrelevant ist; Wichtiger ist, damit geboren zu sein. Die bittere Erkenntnis, dass er immer im Schatten der Sprache dieses Dekans verharren wird, obwohl seine irischen Landsleute den Saft seiner Zunge mit ihrer Seele und ihrem Intellekt wiederbelebt haben, bringt ihre eigene Angst mit sich. Dedalus erkennt, dass er trotz seiner Beherrschung der englischen Sprache immer als Außenseiter betrachtet werden würde – oder im besten Fall als exotisches, wunderbares Tier wie Caliban, den Prospero gnädig seine Muttersprache gelehrt hatte.

Für Joyce sind soziale Konventionen und tyrannische religiöse Institutionen Konstrukte von bigotten Geistern, die entwickelt wurden, um Selbsterniedrigung und Schuldgefühle beim Menschen hervorzurufen. Seine Kunst verwandelt sich in einen neuen Zeitgeist, der zu einer modernen Sensibilität führt. In der Lebensvision der Joyceaner dient die Kunst einem erlösenden Zweck, und Irrtümer und Fehler werden zu kreativen menschlichen Taten.

Da Dedalus auch profane Rebellion als Mittel der Selbstverwirklichung akzeptiert, spornt ihn ein tiefes Gefühl der Freude und Befreiung zu einer reicheren, volleren Existenz und einer Bestätigung des Lebens an:

Willkommen, O Leben! Ich gehe zum millionsten Mal der Realität der Erfahrung entgegen und schmiede in der Schmiede meiner Seele das ungeschaffene Gewissen meiner Gattung. „

Und durch diese leidenschaftliche Aussage behauptet Joyce selbst nach einem Jahrhundert seine Relevanz für die moderne Kunst und Kultur.

Was der SPIEGEL 1960 zu Stanislaus Joyce zu sagen hatte, lesen Sie hier

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Abbildung: wiki commons

About James Joyce

Bloomsday,

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gefeiert in Dublin und der ganzen Welt, ist ein Versuch, in der Zeit zurück zu reisen, um die Ereignisse von Ulysses  , die im Laufe eines einzigen Tages, dem 16. Juni 1904, stattfinden , zu erleben. Der Bloomsday erinnert alljährlich an Joyces immer noch zeitlose Charaktere, während sie duch Dublin flanieren und uns durch einen einzigen Tag im Edwardian Dublin zu führen.

Bloomsday, auch bekannt als „La Bloom“, leitet seinen Namen von der Figur Leopold Bloom ab, einem irischen Mann jüdisch – ungarischer Abstammung, der als Anzeigenaquisiteur  arbeitet und von dem Literaturkritiker Harold Bloom als eine der „vollständigsten“ Figuren der modernen Literatur gefeiert wurde. 

Bloomsday

Der Eintrag unter dem Juni 1904  in den gesammelten  Briefen von James Joyce  (die erste von Stuart Gilbert gesammelte und herausgegebene Version) enthüllt uns, dass das Datum „16. Juni 1904“ für den 22-Jährigen etwas Besonderes war. Joyce wurde von der Liebe überrumpelt: Es war der Tag, an dem er mit  seiner Geliebten, seiner Muse und späteren Frau Nora Barnacle durch die Stadt ging.

Überraschenderweise, wie Richard Ellmann, Joyce ‚Biograph  uns erinnert, war der Ausdruck „Bloomsday“ bereits kurz nach der Veröffentlichung von Ulysses populär geworden  In seinem Brief an HS Weaver vom 27. Juni 1924 bringt Joyce seine Überraschung zum Ausdruck, als er sich von einer Augenoperation erholt und bereits mit dem Verband kämpft, um die frühen Entwürfe des Nachtbuches überhaupt lesen zu können  ( Finnegans Wake wird es in  15 Jahren heißen). Damals bekommt er „weiße und blaue“ Hortensien von einer Gruppe von Menschen überreicht, die bereits ein Phänomen namens „Bloom’s Day“ feierten. 

Joyce soll über Ulysses geklagt haben  , grübelnd, sotto voce , in der gleichen Singsang Stimme, mit welcher er später die Episode „Anna Livia Plurabelle“ in Cambridge lesen und aufzeichnen würde:

Wird sich jemand an dieses Datum erinnern? „

Wir wissen heute, dass Joyce nicht  unbedingt gejammert haben muss: Dedalus, Bloom und Molly, unter all den anderen Charakteren wie Pater Conmee, Mulligan und Cranly aus dem Joyceschen Oeuvre, entzücken und amüsieren den heutigen Lesern ebenso sehr wie damals.

Nach der offiziellen Bloomsday-Feier in Irland im Jahr 1954 wird Bloomsday nun jährlich in der Kulturhauptstadt Dublin gefeiert, mit einer Vielzahl von Aktivitäten, die vom James Joyce Center organisiert werden. Das Zentrum bietet auch Spaziergänge, Vorträge und Besichtigungen verschiedener Orte an, die von den Romanfiguren im Verlauf eines einzigen Tages besucht werden, darunter der James Joyce Tower und das Museum in Sandycove (wo der düstere Geist lebt) Stephen Dedalus über den „Panther Sahib “ grübelt, und Davy Byrne’s Pub (wo Leopold Bloom auf ein Gorgonzola-Sandwich und ein Glas Burgunder einkehrt), und Nummer 7 Eccles Street  (heilig gesprochen neben anderen berühmten Straßen wie Conan Doyles Baker Street) , um nur ein paar dieser „heiligen“ Orte beim Namen zu nennen. 

Es ist auch mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich für unabhängige Theatergruppen und Leser, Lesungen und Performances von Ulysses zu veranstalten Im Laufe der Jahre bot der Bloomsday ein breites Spektrum an verschiedensten Events: Von Lesern und Liebhabern, die sich in edwardianischen Kostümen verkleiden, über Lieder und Tänze auf öffentlichen Straßen bis hin zu Workshops, bei denen der Geschmack der originalen Speisen probiert wird, wie sie in Ulysses von James Joyce beschrieben werden. 

 Lesen

Wer war es, der den Leser nach seinen wahren Motiven beim Lesen  fragte:

“ Warum lese ich das ?“ 

 Das ist eine bekannte Frage, die sich Leser, die den berüchtigten Text von Ulysses von  1922 angehen oft selbst stellen und die Gründe scheinen oftmals nicht sehr klar oder, wie es scheint, sehr überzeugend zu sein. Es bietet sich  jedoch eine möglicherweise plausible Antwort an: Man gewinnt eine gewaltige Freude an dem spannenden Spiel, auf mehreren Ebenen einem komplexen Text zu folgen, der sehr glaubhaft vorgibt, schwierig zu sein. 

Lesen wir Joyce, wird schnell klar, man liest sich nicht nur in das alltägliche,  gewöhnlichen Leben der Dubliner ein, die sich im Text versammeln, sondern auch, um sich selbst als kenntnisreicher, kritischer Leser zu beweisen: Die Ergebnisse solcher „selbstreflexiver Leseproben“  können durchaus demütigend ausfallen, wenn Leser von  Ulysses sich in schwindelerregender Konversation mit einer Vielzahl anderer Texte, Zeiten und Stile wiederfinden.  Bei der atemberaubenden Bandbreite der in Ulysses verwendeten Stile    vom Zeitungslayout im „Aeolus“ -Kapitel bis zur neunmonatigen Schwangerschaft der englischen Sprache im „Oxen of the Sun“-  gibt es scheinbar keinen einzigen langweiligen Moment in  Ulysses.

Einer der Gründe für die Bedeutung des Bloomsday-Festivals liegt also darin, dass es sich aktiv für eine  Rückkehr zum Text einsetzt : Denn der Ruf von Joyces Texten geht ihrer Lektüre fast immer voraus (was zum großen Teil jedoch darauf beruht, dass Joyce selbst sich bemüht hat, ein  gewaltiges Puzzle aus seiner  schriftstellerischen Arbeit zu machen) Um der Unsterblickeit willen, wie er selbst sagte ? Seine Texte werden oft wegen einiger obskurer oder schwieriger Seiten verflucht, und die allein gelassenen Leser stöhnen in ihrer Einsamkeit vor den schwarzen Buchstaben. Der Text, ebenso wie die Charaktere im Roman, verdienen unbedingt eine zweite oder eine dritte oder vierte Chance, sprich Lesung, um endlich sich selbst und den Leser zu erlösen. 

Ulysses  erhält dann bestenfalls ein erleichtertes Echo von seinen Lesern. Diese Antwort sowohl auf den Text als auch auf die Welt, wie Stephen Dedalus in dem Kapitel „Proteus“ in  Ulysses bestätigt, sind unendliche, formgebende Texte: Sie sind   Signaturen“ von „allen Dingen“, die wir hier lesen sollen Joyce zu lesen bedeutet also, die Geburt eines Lesers, der sich an Joyce „Epiphanien“ erinnert und sie in einem erneuerten, interpretativeren Licht lesen wird.  Der alljährliche Bloomsday feiert dieses Fest der Worte und des Wortspiels; es ist nur eine Frage der Zeit, bis man herausfindet, dass  Ulysses auch  noch mehr  zu bieten hat. 

 Bloomsday ist ein Festival, das zu illustrieren versucht, was das große Fest des Lebens wirklich ausmacht: Ulysses ist für jeden seiner Leser immer auch und vor allem eine Reise nach innen, eine Rückkehr in den Text als „the next way home“.