Thomas Pynchon über Melancholie

Die Trauer der Moderne

 

„Als  „Bartleby der Schreiber: Eine Geschichte der Wall Street“ 1853 erschien hatte der Dämon Melancholie den letzten religiösen Anschein bereits verloren und war jetzt nichts Geringeres als ein Verstoß gegen die  vulgären Ausschweifungen einer entfesselten Ökonomie. Mitten im Räuberhauptmann-Kapitalismus entwickelt der Protagonist das, was sich als die finale Tristesse erweisen soll.

Es ist wie eine dieser Erzählungen, in denen der Desperado immer wieder die Art von Entscheidungen trifft, die ihn unausweichlich dem ultimativen und schlimmen Finale näher bringen.Bartleby sitzt dort in einem Büro an der Wall Street und sagt: „Ich würde es lieber nicht tun.“ Während sich seine Möglichkeiten immer mehr verengen, wird sein Arbeitgeber, ein unantastbarer Mann von einiger Statur, dazu gebracht, die Koordinaten seines eigenen Lebens in Frage zu stellen.

Miserabler Schreiber – dieser Schriftsteller, der, obwohl er naturgemäß zu den Niedrigsten in der Arena des Kapitalismus zählt, sich standhaft weigert,  weiterhin mit der herrschenden Ordnung zu interagieren.

So stellt sich sofort die interessante Frage: Wer oder was ist schuld an diesen angepassten Feiglingen und Mitläufern, allesamt Personen, die geradezu gednkenlos und gewohnheitsmäßig mit der Wurzel allen Übels kollaborierten und all diese unmoralischen Dinge tun als Gegenleistung für einen Gehaltsscheck und ein schäbiges, stressfreies Leben.

Besser nichts tun? Du beharrst in Trauer? Um in Trauer zu bestehen?

„Bartleby“ ist auch das erste große Epos einer entleerten Moderne, auf das bald Werke von Kafka, Hemingway, Proust, Sartre, Musil und anderen folgen werden. Schauen Sie auf die Liste Ihrer  bevorzugten Autoren und Sie werden sehr schnell den Helden treffen und kennenlernen, der  nicht ohne Stolz, Hochmut und Ironie seine  Trauer trägt, die unserer eigenen Zeit so eigentümlich ist. “

Aus Thomas Pynchons Erzählung: „Sloth – näher meine Couch zu Dir“.

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