Samuel Beckett in Frankreich

Jo Baker 

jo baker - ein ire in paris - roman - knaus verlag Ein Ire in Paris

Es ist immer ein Wagnis zu versuchen, in den Kopf eines Mannes einzutreten, der für seinen lebenslangen Rückzug und sein Schweigen bekannt war, aber Baker gelingt es glänzend in einer Prosa, die sowohl intim als auch streng ist, mit einer unaufdringlichen, typisch Beckettschen Stimme.

Im Mittelpunkt des Romans steht Becketts Beziehung zu Suzanne, einer lebenslangen Begleiterin und später seine Frau, von der er 1939 in einem Brief an einen Freund schrieb:

„Es gibt da auch eine Französin, die ich leidenschaftslos mag,  die ist sehr gut zu mir. “

Sein Bedürfnis nach Einsamkeit und Distanz stellt sich gegen ihre Kombination aus Unterstützung und Verzweiflung. In seine Notizbücher spähend, die schwarz sind von den unzähligen Streichungen, kommt ihr einmal der  bestürzende Gedanke, dass

alles, was hier erreicht wurde,  nichts sein könnte als die Verschwendung von Papier, Tinte und Zeit „. 

Am Ende des Krieges gibt es tatsächlich eine Kluft zwischen ihnen, sowie eine bekannte, erschöpfte Vertrautheit. Es gibt einen sehr bezeichnenden Moment, als sie vor den anrückenden  Deutschen fliehen. Er streckt ihr den helfenden Arm entgegen, sie überlegt für den Bruchteil einer Sekunde, ob es nicht besser wäre, diese ausgestreckte, helfende Hand nicht mehr zu ergreifen. Aber naturgemäss greift sie zu. Sie lassen nicht voneinander.

„Warten auf Godot“ diese  Metapher für die lange Wanderung  ins Roussillon. Baker nimmt den Titel des Originals „A Country Road, a Tree“ von der knappen Beschreibung, die den Schauplatz zu Beginn des ersten Aktes skizziert, und Becketts und Suzannes ermüdenden Streit darüber, wo sie die Person treffen sollen, der sie über die Grenze in die Freiheit bringen wird, nimmt schon die berühmte Szene von Vladimir und Estragon vorweg.

 „Monsieur wird sicher morgen kommen“, sagt Beckett. „Es ist morgen“, antwortet sie. 

Der Leser ist mittlerweile daran gewöhnt, die Schrecken des 20. Jahrhunderts aus der Distanz zu betrachten – wie die Flucht aus Paris beim Herannahen der deutschen Truppen, den Beckett hier als „Müllhalde, ein Haufen Müll“ erlebt, das Elend einer fliehenden Menschheit.

Eine Kriegsbesessenheit mit zerlumpten Stiefeln und wunden Füßen, mit Rüben, die von Feldrändern gesammelt wurden, die in den Mund gestopften kleinen Steine die den entsetzlichen Durst lindern sollten , erscheinen in späteren Romanen ebenso wie in den Dramen, während Themen von Einsamkeit und Stoizismus von Baker  klar aber unaufdringlich in den Vordergrund gestellt werden. Dieser alte Mann, bei dem Beckett sich unter Dielen versteckt und mit dem er sich eine Flasche zum Pinkeln teilen muss, könnte durchaus ein Charakter aus seinen eigenen Texten sein: „Er furzt nicht so viel, wie man befürchten könnte. „

Im Roman erlebt der Leser Beckett anfangs auch an den Rockschössen und im Schatten des großen  James Joyce in einer Beziehung, die eine fatale Mischung ist aus Anbetung, Dankbarkeit und Groll. (Baker gibt uns ein schön skizziertes Porträt des alternden James Joyce, der ununterbrochen mit seinem unvermeidlichen Stock und seiner Brille herumfuchtelt. Seine Arbeit mit dem Widerstand, diese wortwörtlich „stille Gewohnheit“ ist seine Tugend –  und sie zeigt auch die Kraft der Worte, die eine Welt zu verändern suchen.  Unermüdlich trägt er die Informationen zusammen, die „Flugzeuge aus einem klaren Himmel zaubern.“ Er hält die geheimen Berichte im Murphy-Manuskript versteckt, „was bei weitem der sicherste Ort ist, um etwas zu verstecken, das die Leute nicht lesen sollen“.

Diese eher dokumentarischen Rückblicke gesetzt gegen die freie  Fiktion geben dem Roman einen erhebenden Bogen, wobei er damit auch Becketts berühmter Epiphanie nahe kommt

Baker präsentiert seine Zeit in Roussillon, als er „Watt“  schrieb , als Jahre einer anstrengenden,  geradezu geistesabwesenden Arbeit – nicht als Zusammenbruch. Beckett vewahrte alles bis nach dem Krieg und das erhaltene Rohmaterial ist nichts weniger als sensationell: sich in Bäumen verstecken, um den Nazis zu entgehen, einen Gefährten zu sehen, der sich aus einem Fenster stürzt, ein Grab für tote deutsche Soldaten zu graben , eine Bombe mit Topfgeranien tarnen …  Baker beschreibt das alles in trockenen, ruhigen Tönen und zeichnet Beckett  in seiner später formulierten Haltung

„Ich kann nicht weiter, ich werde weitermachen, ein Akt des Widerstands“.

Muss der Leser sich unbedingt für Beckett interessieren, um dieses Buch zu lesen? Nicht unbedingt, aber es  ist  eine  spannende, großartige und außergewöhnliche Geschichte, die ein neues Licht auf ein verzweifeltes Individuen wirft, das wie wir alle im Lauf der Geschichte gefangen ist, und wie es ihm dennoch gelingt, dieses Leben, seine Einsamkeit und Verzweiflung in Kunst zu verwandeln. Jo Baker ist eine überaus talentiert, seltsame und entschlossene Erzählerin, und ihr Buch fasziniert von der ersten bis zur letzten Zeile.

Jo Baker – Ein Ire in Paris – Knaus Verlag – ISBN 978-3-8135-0754-6

http://www.knaus-verlag.de

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