Townes van Zandt: words & letters

The Poet’s Poet

 

War Townes Van Zandt besser als Dylan?

Sein eigenes Leben schien oft die traurigste Ballade zu sein, aber dieser melancholische Poet und Songwriter aus Texas war die wahre Stimme der amerikanischen Country-Musik.
Ich erinnere es, als wäre es gestern gewesen. Eines sehr späten Abends im Jahr 1995 verließ ich mit meiner Freundin den Jazzclub in Bonn, als mir ein schäbiges Plakat über dem Ausgang ins Auge fiel – oder besser gesagt, es war der Name der dort fett gedruckt zu lesen war: Townes van Zandt.
„Was, der tritt hier auf? Hier in Bonn?“ fragte ich total verblüfft meine Begleiterin, die ahnungslos mit den Achseln zuckte. Aber ja, da stand es schwarz auf gelb mit Datum, es musste wohl stimmen.  Bis dato kannte ich nur die Texte von ihm, Emmylou Harris hatte seine Lieder gesungen und auch der große Bob Dylan hatte schon Texte von ihm vorgetragen (wenn ich nicht irre).
Wenige Wochen später stand er in Bonn auf der Bühne, schmal und zerbrechlich mit seinem schüchternen Lächeln und seinen abgewetzten Jeans. Keine Posen, no useless speeches. Er sagte knapp den Titel des Songs an, hob die Gitarre und begann eine Performance, die mich auf der Stelle umhaute, wie gesagt wird. Und das Beste war: Genau das hatte ich erwartet. Es wurde ein unvergesslicher Abend mit einem unvergesslichen Sänger. Ach ja, unmittelbar vor dem Konzert war der Veranstalter auf der Bühne erschienen und bat uns, Townes van Zandt nach dem Konzert bitte nicht auf einen Drink einzuladen. (Die lange Bartheke war direkt nebenan). Wir hielten uns an die Empfehlung.
Ich habe ihn dann noch einmal in Bonn erleben können in diesem Sommer 95, Townes van Zandt hatte damals eine Freundin in Bonn, wie ich erfuhr.

Das kurze Leben des großen Songwriters Townes van Zandt ist eine Erzählung voller widersprüchlicher Hoffnungen und hasserfüllter Dämonen, aus denen der talentierte, großartige und so sehr geliebte Künstler durch Talent und Ausdauer überwältigende Schönheit hervorgebracht hat.

Von seinen Wurzeln im texanischen Geldadel bis hin zu lähmenden Schocktherapien und dem langsamen whiskeygetränkten Niedergang scheint Van Zandts Leben eine ebenso kühne wie  melancholische Ballade in der traurigsten Tradition zu sein. Für einen Musiker, der im weitreichenden, dunklen Schatten von Hank Williams lebte , könnte man versucht sein Van Zandts tragisches Leben fatalistisch hinzunehmen. Braucht nicht jeder gute Country-Sänger Geschichten von whiskeyschwangerer Einsamkeit und dem unvermeidlichen Liebeskummer? Warum ein bewährtes Rezept verändern?

Aber jeder, der Townes van Zandts durchaus ungleiche, aber unvergleichliche Aufnahmen zum ersten Mal hört, weiss sofort, dass hier ein anderer Ton angeschlagen ist, unvergleichlich, zärtlich, rauh, nichts was einem Trost spenden würde.

„Townes Van Zandt ist der beste Songwriter der Welt und ich stehe auf Bob Dylans Couchtisch in meinen Cowboystiefeln und sage das“, konstatierte  ein für allemal  sogar der unbescheidene Steve Earle.

Sicherlich kann manches von Van Zandts Aufzeichnungen den Hörer an manches von Dylan erinnern, aber der Ton ist ein völlig anderer in jedem seiner Songs und Texte. Die Texte transportieren oft aufgeladene Bilder und Traumvisionen in einer Stimmung, die ohne jede Anstrengung  – leichter als Dylan es konnte –  den Mann selbst herauszubringen. Die ganz frühen Aufzeichnungen wurden schon durch diesen einzigartigen Ton und Stil diktiert, und Van Zandt hätte  bereits damals leicht als ein ernstzunehmender Anwärter auf Dylans Thron zu einer Zeit betrachtet werden können, als es sicher keinen Mangel an diesem Ehrgeiz gab. Das war zumindest der erste Eindruck, den ich von seinen frühen Studioalben hatte.

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Dieser Eindruck erwies sich jedoch als nicht ganz stimmig. Je mehr diese Platten überarbeitet werden, desto mehr scheinen die Streicher, die Flöten, die witzigen und sentimentalen Texte neben etwas Unbegreiflichem zu stehen. Es entsteht ein Eindruck  von unvollständigen und manchmal auch irritierenden Bildern. Es gibt auch sehr simple Songs und Texte hier, aber sie sind bis heute einfach unerreichbar.

Allerdings Cathleen und Tecumseh Valley  kommen sofort als echte Explosion rüber. Cathleen malt eine bleierne, schier unheilbare Melancholie, ohne in tränenreichem Mitleid zu versinken. Die poetische Bildsprache wird durch das einfache Sprechen fundamental:

„Vielleicht werde ich verrückt werden. Ich muss diesen Schmerz töten.“

Auch die Evokation der üblichen unglücklichen Charaktere (Spieler, Prostituierte) ist immer ohne begleitenden Narzissmus. Tecumseh Valley artikuliert die Ballade über das Lebens eines anderen mit  Respekt, Zurückhaltung und Empathie. Es ist stark genug, um Dich an einen Ort  Deiner Einsamkeit zu erinnern .

Nachdem Sie diese Dimensionen in der Musik gehört haben, möchten Sie am liebsten sofort all die Flöten und Streicher vertreiben und klar und deutlich hören, worum es bei Townes Van Zandt wirklich geht. Genau das passiert bei Live im Old Quarter, eine Aufzeichnung, die berechtigterweise als seine beste gilt.

Dies ist der Ort, an dem die Songs, die Sie gehört haben, wie ein Flüstern in all ihrer einzigartigen Pracht erblühen. Es ist plötzlich klar, dass Van Zandts Musik so aufgeladen ist, dass sie als Solo-Performance gehört werden muss. Diese aufgenommene Show öffnet die gesamte Landschaft. Songs, die im Studio halb erstickt worden sind, erweitern sich nun zu einem bemerkenswerten Terrain. Wenn man es hört, bekommt man den Eindruck, dass hier jemand zwischen sehr gefährlichen Extremen balanciert: Es gibt Lieder von Jubel und Freiheit – White Freight Liner Blues, To Live to Fly – und Lieder der trostlosesten Traurigkeit – Waitin around to die. Van Zandt hört sich hier an, als ob er diese ständige Berg- und Talfahrt, seine Highs und Downs  einfach in rohem, ungeschöntem Zustand vor uns ausbreitet. Und er nimmt dabei weder Rücksicht auf uns, noch auf sich selbst.

Nicht alles ist voller Traurigkeit. Obwohl nicht unmittelbar erkennbar, gibt es hier auch einen reichen Humor, der an den texanischen Blues-Meister Lightnin ‚Hopkins erinnert. Es war Hopkins bittersüßer Stil, der Van Zandt dazu inspirierte, dieser Musik nachzugehen, und die Nummern von Lightnin tauchen daher auch häufig auf den Live-Aufnahmen auf. Wenn Sie Live im Old Quarter aufmerksam lauschen , ist eine ungewöhnliche Entwicklung zu hören. Während seine Vocals und sein musikalisches Können zunehmend von einem unerbittlichen harten Leben gezeichnet sind, werden Van Zandts Songs immer stärker, je mehr Narben ihm die Jahre zufügen. Zum Beispiel wäre es wohl sehr schwierig, eine härtere Darstellung der grassierenden amerikanischen Armut zu finden als im Song Marie.

Während manchen Sängern die Fähigkeit zugeschrieben wird, zu den Charakteren zu werden, die sie darstellen, konnte es keiner mit dieser Empfindsamkeit vollziehen. Das Lied erinnert stark an Hank Williams Life’s Other Side mit dem zum Scheitern verurteilten Protagonisten, der Dir  unverwandt in die Augen schaut, während er seine trostlose Geschichte ausbreitet. Man fragt sich unwillkürlich, ob Dylan jemals den mitleidlosen Geist des Blues zu solch furchtbarem Effekt hätte heraufbeschwören können.

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Townes van Zandt starb in der Nacht des 31. Dezember 1996 in Smyrna Texas

Eine weitere, seltene Live-Aufnahme: Townes van Zandt – Abnormal erschien bei

c/o NORMAL MAIL ORDER – Bonner Talweg 276 – 53129 Bonn – Tel: 0228-220655

 

Kommentar von almathun:

 

Leider habe ich van Zandt nie live gesehen, bin eher zufällig auf ihn gestoßen, da war er aber schon tot. Townes Van Zandt war für einen Countrysänger ungewöhnlich intelligent, was sich in seinen Texten oft als schwermütige Ironie aber auch verhohlener Humor niederschlägt. Seine Sprache deutet darauf hin, dass er eine gute Bildung genossen und auch mal ein paar Klassiker gelesen hat. Leider war er nicht intelligent genug, die Drogen sein zu lassen, was ihn ja dann recht früh ins Grab befördert hat. Besonders sehenswert finde ich die wunderbar poetische Bio-Documentary „Be Here To Love Me“ von Margaret Brown. In Verbindung mit den Bildern wirkt die Musik noch eindrucksvoller. Die Kinder können einem leid tun.

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Ein Gedanke zu “Townes van Zandt: words & letters”

  1. Leider habe ich van Zandt nie live gesehen, bin eher zufällig auf ihn gestoßen, da war er aber schon tot. Townes Van Zandt war für einen Countrysänger ungewöhnlich intelligent, was sich in seinen Texten oft als schwermütige Ironie aber auch verhohlener Humor niederschlägt. Seine Sprache deutet darauf hin, dass er eine gute Bildung genossen und auch mal ein paar Klassiker gelesen hat. Leider war er nicht intelligent genug, die Drogen sein zu lassen, was ihn ja dann recht früh ins Grab befördert hat. Besonders sehenswert finde ich die wunderbar poetische Bio-Documentary „Be Here To Love Me“ von Margaret Brown. In Verbindung mit den Bildern wirkt die Musik noch eindrucksvoller. Die Kinder können einem leid tun.

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