Die DDR und die STASI – Meine Erlebnisse in Ostberlin und Leipzig 1973 bis 1987

Die DDR: 28 Jahre deutsche Einheit

Meine Erlebnisse mit der Stasi in OstBerlin und Leipzig 1973 bis 1987

Der Liedermacher Wolfgang Biermann  – die Älteren der unter uns mögen sich erinnern  – sass bereits nicht mehr in der Chaussestraße 131 und sang zur Gitarre in das Mikrofon seines  Grundig Tonbandgeräts, als ich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts  das zweifelhafte Vergnügen hatte, in der Hauptstadt der DDR, also in Ostberlin, an einen sogenannten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik zu geraten.

Sonniger Sonntagmorgen in Leipziz 1984.

Die DDR war für uns Studenten im Westen naturgemäß ein geradezu einzigartiges Faszionosum und Paradoxon zugleich. Faszinierend, weil seit über zehn Jahren  verborgen hinter einer Mauer  eine für die sogenannten Bundesbürger nahezu unsichtbare Existenz führend, paradox andererseits weil diese sogenannte Demokratie sich spätestens mit dem Bau der Mauer in Berlin als das zu erkennen gegeben hatte, was sie war: eine Diktatur. Und zwar nicht die vielbesungene Diktatur des Proletariats sondern eine unterdrückerische und menschenverachtende,  geschlossene Veranstaltung der Einheitspartei SED.

Geschlosen und eben auch verschlossen  deshalb, weil den unfreiwilligen Teilnehmern – den Bürger der Deutschen Demokratische Republik – nicht gestattet war, mal eben ein wenig draussen frische Luft zu schnappen. Den freien Blick versperrte eine Mauer, das freie Wort wurde verschluckt.
Freiheit kann eben auch die Freiheit von allem sein. Diese  sogenannte Freiheit als Abwesenheit von  jeglicher individueller Freiheit war  die tatsächliche Lebenswirklichkeit für Millionen Menschen in diesem „Arbeiter und Bauernstaat“, des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“.

Mit Herz und Kopf ansingend gegen die bestehenden Verhältnisse, verschaffte sich der Grosskommunist , Poet und Liedermacher Wolfgang Biermann zuerst in der DDR ein Auftrittsverbot (1965), dann  ein modernes Tonbandgerät nebst Senheiser-Mikrofon aus dem Westen, um frech und frei ab sofort in seinem Wohnzimmer gegen die Betonköpfe der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands anzubrüllen.
Diese schönen, trotzigen Lieder,  signiert mit der  Melancholie des Romantikers, wurden dann zur Freude aller westlicher Sympathisanten  von Columbia Records  in Vinyl geschnitten. Naturgemäss beim Klassenfeind in der BRD.

Es waren vor allem  auch diese freimütigen, unzensierten und bissigen Gedichte, Lieder und  diese flamboyante Kritik am real existierenden Sozialismus in der DDR, die in der Studentenschaft der BRD  mehr Anhänger  inspirierten und mobilisierten als im sozialistischen Osten. Linke Weststudenten und Intellektuelle zog es in Folge  magisch in das Deutschland hinter der Mauer , dort Kontakte suchend und knüpfend, die alltägliche Lebenswirklichkeit zu erkunden, ungefiltert  das sogenannte wahre Leben dieser geschlossenen Gesellschaft im Alltag, in der Praxis und nicht nur in der rotgefärbten Theorie der verschiedenen Parteigänger kennenzulernen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wohl war !  Und eingedenk  dieser  Dialektik vertrieben sich die Jungs von der Staatssicherheit tagtäglich die Zeit damit zu verhindern, dass die leider notorisch  unzuverlässigen Arbeiter und Bauern ein falsches Leben führten. Denn was richtig war und was das richtige Leben war,  das bestimmte hier  die Partei, die immer Recht hatte. Verkehrte Welt, die platte Dialektik  der Staatssicherheit. So hatte es Adorno eigentlich nicht gemeint und die grosse Sehnsucht nach dem falschen Leben sorgte nicht nur in der Chausseestrasse 131 für kreativ subversive Umtriebe.

Torgau an der Elbe. Der Gedenkstein unten rechts im Bild erinnert an das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte  am 25. April 1945 in Strehla bei Torgau.

 

Gesungen wurde in Biermanns guter Stube bis zum Herbst 1976  auch immer von der Stasi . Die „Stasiballade“ war mit Wortwitz und Ironie eine bitterböse Abrechnung mit dem Unterdrückungs- und Überwachungssystem der DDR mit seinen  zahllosen und allgegenwärtigen Spitzeln und Zuträgern. Gewiss, aufgefallen war  den Intellektuellen in der BRD durchaus,  dass die Wirklichkeit in der DDR dem hohen Anspruch der sogenannten Genossen im Politbüro nirgendwo genügen konnte. Woraus sich unter anderem ergeben musste , dass  „solange der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang hinter dem Masstab eines gerechten Lebens zurückfällt, es für die Menschen gar nicht möglich ist, moralisch richtig zu handeln!“
 Da schau her.
 Jede Trennung des moralischen Prinzips vom gesellschaftlichen hat auch den Verzicht auf menschenwürdige Verhältnisse zur Folge. Hören wollte man solche Theorien in Ostberlin ungern.
Die wohlwollende Sympathie, mit welcher der  in der DDR angeblich  real existierende Sozialismus von den westdeutschen Intellektuellen betrachtet wurde,  trieb oftmals seltsame Blüten. Viele aber hofften mit Biermann unverzagt auf die zukünftige  Besserung der Verhältnisse:
„Wir machen hier Sozialismus,
trotz Rotz und Stalinismus
und öffnen uns noch die Welt !“
( enfant perdu )
Die Milchbar „Espresso“ in Ostberlin
Es war gegen Ende des Jahres 1974, als ich erstmals in Kontakt mit der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik geriet. Ich trank einen Kaffee in der neuen Milchbar „Espresso“ am Alexanderplatz, nachdem ich meine erste Runde im Panoramacafe des neuen Fernsehturms gedreht hatte und den klaren Blick hinüber ins westliche Berlin genossen hatte. Diese erste Ansprache war leider ebenso plump wie vorhersehbar, denn der Stasi-Mitarbeiter war ja als solcher  sowohl in Berlin Ost als auch in Leipzig überall und jederzeit sofort erkennbar an seinem „unauffälligen“ Herumlungern bevorzugt in den von  Touristen frequentierten Lokalitäten sowie an den öffentlichen Treffpunkten Alex, Unter den Linden et al. Der junge Mann, er nannte sich Sascha, sprach mich  freundlich an meinem Tisch an. Er hatte mich selbstverständlich  als „Westler“ erkannt , was er mir nun auch sofort kundtun musste. Dass ich ihn ebenfalls auf den ersten Blick als Stasi-IM enttarnt hatte, verschwieg ich naturgemäss. Ich gab den naiven Westdeutschen, auf Sightseeing im neuen Zentrum der DDR-Metropole und lobte über die Maßen den Kaffe im sich ewig drehenden  Fernehturm-Cafe. Er war scheinbar begeistert ob meines Lobes.
Weimar zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik 1984.

Meissener Porzellan 

Sich anschloss ein Spaziergang in der Septembersonne Unter den Linden, denn ich suchte hier nun gezielt ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Warum nicht aus der Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates ? Die grossen Schaufenster der offiziellen Verkaufstelle der Meissener Porzellanmanufaktur zogen mich magisch an, etwas zum Unwillen meines unfreiwilligen Fremdenführers: „Meissner darfst Du nicht exportieren, das werden sie Dir sicher an der Grenze wegnehmen“.

Ich ging trotzdem hinein, er folgte schweren Fusses. „Ich kaufe immer soviele Bücher, da werde ich eine kleine Vase sicher ganz gut verstecken können“ erwiderte ich unbesorgt und erstand eine etwa fünfzehn Zentimeter hohe Vase, welche ich besonders sorgfältig und liebevoll verpacken ließ. Sie kostete stolze hundertachtzig Ostmark ! Da ich unerlaubterweise meine Ostmark in Westdeutschland zum Kurs von eins zu sechs eingekauft hatte, zahlte ich also lediglich dreissig Westmark für das gute Stück.

Dieser heimliche Devisentransport war damals für einen armen Studenten unerlässlich, wollte er möglichst billig möglichst viele Bücher im Osten einkaufen. Gab ja Klassiker, Kunst und Literatur in Hülle und Fülle ( sogar Arno Schmidt !!!), auch interessante Lizenzausgaben. Und zur Tarnung immer ein paar blaue Bände Marx und Engels obendrauf . Drei Bände Kapital stabilisieren das Regal – und erfreuten den Grenzer.

Der arme Student kam glaubhaft rüber, ich fuhr schliesslich R4 ! Glaubhaft rüber kam bei mir auch das Angebot meines treuen Stasi-Begleiters, mir doch lieber die kostbare Vase per Post nachzusenden: „Da kannst Du sicher sein, dass sie auch ankommt ! Die machen doch eh nur Stichproben bei der Post.“ Dass die Vase sicher ankommen würde glaubte ich ihm naturgemäss sofort .

Zehn Tage später war sie da. Die Stasi war in jeder Hinsicht zuverlässig . Meine Mutter war begeistert !

Es folgten mehr oder weniger regelmässige Postkarten bis im darauffolgenden Sommer eine Einladung nach Ostberlin folgte. Er würde sehr gern auch einmal meine Frau kennenlernen und uns zu seinem Geburtstag einladen, es seien ja nur 300 Kilometer von Hannover und so weiter… . Kam ein bisschen plötzlich, diese recht private Einladung, aber wir nahmen an.

„Sehr gern“ sogar, wie meine Frau hinzusetzte. Sie war in der Tat sehr neugierig auf Ostberlin und die DDR !

Grau und kalt war der März im tristen Zentrum Dresdens 1986. Fotos: Jürgen Mügge.Luttermann

folgt:

Ein denkwürdiges Abendessen in den „Zille Stuben“

Die Stasi und die Galerie EigenArt in Leipzig 1987

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