Francoise Sagan – Moral und Melancholie

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„Ce n’est pas par ce que la vie n’est pas elegante, qu’il faut se conduire comme elle“

„Nur weil das Leben nicht elegant ist, muss man sich dem nicht anpassen“.

 Francoise Sagan  hat im Laufe der Jahre  viele Bücher geschrieben, allein zwanzig Romane, etliche Theaterstücke und auch ein paar Sachbücher, aber keines war so erfolgreich und  so furios und beunruhigend  wie ihr erstes, das mit neunzehn Jahren veröffentlicht wurde: Bonjour Tristesse

 In  “ Bonjour Tristesse“ beschrieb sie eher cool oder mit vibrierender Stimme den Hedonismus und die gedankenlos leichte Moral der Jugend, die Eitelkeiten und die Libertinage der hochfliegenden französischen Intellektuellen, den Lebenshunger und die rasende Geschwindigkeit des freien Nachkriegseuropas an der Schwelle der sechziger Jahre.

Es überrascht nicht, dass es ihre naive Abenteuerlust und durchaus auch die flatterhafte Eleganz ihres Lebens war, die die Verfasser ihrer zahllosen Nachrufe im Jahre 2004 in erster Linie interessierten. Ihre Auftritte waren nicht selten spektakulär genug für gut verkäufliche Schlagzeilen. Doch auch das war sie, gefangen in ihrem  Schicksal: Schon Montaigne wusste es:

„Jeder einzelne von uns ist eine Zitadelle der Idiosynkrasie, deren Mauern sind die Gewohnheit und die Meinung“. 

Von diesem wunderbar schlanken, vielfach missverstandenen kleinen Roman und von seiner jungen Heldin Cécile konnte sich Françoise Sagan nie ganz befreien . „Bonjour Tristesse“ endet  – nachdem mehrere Varianten mit ihren Verlegern diskutiert worden waren – mit dem tödlichen Autounfall  der neuen Geliebten des Vaters. Nur drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans erlitt Francoise Sagan, deren Liebe zum schnellen Fahren ein wichtiger Teil ihres Lebens war und blieb, schwerste Verletzungen, multiple Frakturen, als ihr Aston Martin sich mit hoher Geschwindigkeit überschlug.

„Der Professor hat mein Leben gerettet indem er mich nicht operierte“, 

sagte sie später einmal.

Was ihr blieb waren die Schmerzen und das Morphium. Sie war im Hospital auf diese Weise von den Drogen abhängig geworden und verließ es endlich um sich zu retten. Aber nun war ihr Leben nicht mehr wie es vorher war: spontan und unbeschwert, obwohl sie nach wie vor nur das tat, was sie wollte. Und wenn sie etwas wollte, dann musste es sofort und hier und jetzt passieren. Nichts duldete Aufschub, das Leben wartete nicht

„Im Grunde ihres Herzens ist sie immer das unbeschwerte zwölfjährige Kind geblieben“ wie es ihre Freundin Juliette Greco einmal formulierte,“ sie tat stets nur das, was sie wollte – koste es was es wolle.“

Ihr unstillbarer Hunger nach dem Unerreichbaren, und die tiefe Sehnsucht von „Bonjour Tristesse“ überwältigten nicht nur eine junge Leserschaft in ganz Europa sondern wurden auch von der Kritik sehr wohlwollend beachtet.

Der Erfolg von „Bonjour Tistesse“ war überwältigend und Francoise Sagan eroberte ihr neues Publikum im Sturm und binnen weniger Tage.. „Paris Match“ nannte sie „eine 18-jährige Colette“. Sie hatte den überaus wichtigen Prix des Critiques gewonnen, und die begeisterte Anerkennung kam von den verschiedrnsten Seiten. Der amtierende Nobelpreisträger, Francois Mauriac, titelt in Le Figaro über sie.

„Ihr literarisches Talent explodiert von der ersten Seite an und ist unbestritten“, schrieb er.

Die Moral und ihre Negation blieben das bestimmende Thema und die Triebfeder aller handelnden Protagonisten ihrer folgenden Romane.: In diesem Sinne ist Sagan weitaus klassischer als manche ihrer existentialistischen Zeitgenossen. Wenige Jahre später eroberte ein Regisseur namens Federico Fellini das italienische Publikum mit „La dolce vita“, der Geschichte des suchenden jungen Journalisten Marcello Auch er stellt die Frage nach einer gültigen Moral  inmitten einer verkommenen und desillusionierten Bourgeoisie, die sich mit Exzessen jeder Art zu betäuben versucht. Die Kirche war entsetzt und empört und bekämpfte den Film unerbittlich, da er jegliche Moral konsequent leugnete in der Stadt des Papstes. Gleich in der ersten Szene des Films wird die überlebensgroße Christusfigur von einem Hubschrauber baumelnd aus der Stadt ausgeflogen. Gott ist tot, lautete die Botschaft.

Auch in Frankreich hatte Francoise Sagan mit erbittertem Widerstand der Kirche zu kämpfen. Francoise Sagan war durchaus bewusst, dass  sich die Missbilligung ihres Romans nur mit der bigotten Moral eines noch überwiegend katholischen Landes erklären ließ.

 „Es war unvorstellbar, dass ein junges Mädchen im Alter von  18 Jahren einen Jungen in ihrem Alter liebt, ohne verliebt zu sein, und dafür nicht bestraft wird“, 

schrieb sie 30 Jahre später. „Die Leute konnten die Vorstellung nicht ertragen, dass das Mädchen sich nicht in den Jungen verlieben sollte. Es war auch nicht hinnehmbar, dass ein junges Mädchen das Recht hatte, ihren Körper zu benutzen wie sie will, und Freude daran haben konnte, ohne umgehend dafür bestraft zu werden „

Natürlich beschäftigt sie sich als junge Autorin auch  mit der Frage der  Realität des Individuums, der Dialektik seiner Existenz und seiner Konfrontation mit den überkommenen Verhaltensnormen einer erstarrten Nachkriegsgesellschaft im 20. Jahrhundert, aber in „Bonjour Tristesse“ sind diese Normen ebenso psychisch wie gesellschaftlich virulent und erfahrbar.

 Cécile, diese unglaublich befreite Siebzehnjährige ohne Mutter, deren freizügiger, leichtsinniger Vater der einzige erlebbare Maßstab für ihre persönliche Moral war, bietet Sagan ein  damals radikales Modell für eine menschliche Sensibilität, die hier ebenso dramatisch wie selbstzerstörerisch Gestalt annimmt.  Auch die Art und Weise, wie elementare Fragen ihre physische und emotionale  Verfassung  zunehmend dominieren, stellen eine schonungslose Kritik der herrschenden Moral dar, was diesen Text einer achtzehnjährigen Autorin zu einer literarischen  Sensation machen sollte. Dies sind die Fragen einer Achtzehnjährigen , die den Kern von Sagans kurzem und beunruhigendem Erstlingswerk  bilden.

Selbst unter der Sommersonne des Mittelmeers, lässig entspannt weit entfernt von Paris, von Struktur, Pflichten oder strenger Kontrolle gelingt es den Protagonisten nicht, sich vom spontanen Impuls oder den alltäglichen Zufällen treiben zu lassen. Eine verhasste Kontrollinstanz beendet die Unbeschwertheit und lockere Moral des Dreigestirns, bestehend aus Cecile, ihrem Vater und dessen Geliebter Elsa. Mit Anne, einer Freundin ihrer toten Mutter betritt eine beherrschende und  erwachsene Kontrollinstanz die Szene und zerstört den unbeschwerten Hedonismus in der Ferienvilla am Meer.

 „Das war es, was ich an Anne hasste: Sie hat mich davon abgehalten, mich selbst zu mögen. Ich war von ihr zu einem schlechtem Gewissen gezwungen worden. „

Cecile verabscheut naturgemäß zutiefst diese von Anne verkörperte sogenannte bürgerliche Moral, die alles zerstört was ihr lieb und wichtig ist und ihr letztendlich sogar den geliebten Vater entfremdet. Diese verlogene Moral entfacht ihren Selbsthass, der sich nach außen wendet,  und nur noch rivalisierende, ungute Empfindungen in ihr weckt. Francoise Sagan schildert eindrucksvoll die vielschichtigen Konflikte und Emotionen, die von nun an unweigerlich das Handeln ihrer Protagonistin bestimmen werden.

„Ich suche nicht nach Genauigkeit bei der Schilderung meiner Charaktere. Ich versuche meinen Helden eine Art Wahrhaftigkeit zu verleihen.“ 

Ihr brillanter psychischer Realismus zeichnet ein verstörendes Profil einer Protagonistin, die aus dem Reich ihrer Liebe und Kindheit vertrieben wird und in einer jugendlichen Akzeptanz von Melancholie enden wird. Bonjour Tristesse.

In all ihren Romanen ist die Liebe ihr Thema und indem sie ihre Protagonistinnen und Protagonisten die Liebe als eine  verwirrende , herausforderne und somit auch existenzgefährdende  Erfahrung sowohl physisch als auch psychisch durchleben lässt, zeichnet sie mit erstaunlicher Präzision die conditio humana einer desillusionierten und zerrissenen Nachkriegsgeneration, die es nicht vermag aus ihrer Zitadelle der Gewohnheit zu entfliehen.

Sie hat damit auch deutlicher als  manche ihrer zeitgenössischen Autorinnen und Autoren  versucht, mit der charmanten Melancholie des französischen Existenzialismus die Einsamkeit und Glücksunfähigkeit des modernen Menschen sinnlich erfahrbar zu machen.

Manches zu Francoise Sagan

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