Arno Schmidt

 Manches zu Arno Schmidt in Bargfeld

 

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Arno Schmidt in Bargfeld  seit 1958

Das Ehepaar Arno und Alice Schmidt lernte in Darmstadt, als sie dort in der Inselstraße wohnten, den Maler und Grafiker  Eberhard Schlotter kennen. Schlotters Bruder lebte seinerzeit als Skulpteur und Bildhauer in dem kleinen Heidedorf Bargfeld. Durch die Vermittlung von Eberhard Schlotter  und mit der, auch finanziellen,  Hilfe seines damaligen Freundes Wilhelm Michels gelang es Alice und Arno Schmidt , in dem Dorf Bargfeld  im Landkreis Celle in der Südheide ein  bescheidenes Holzhaus zu erwerben, welches er für seine Bedürfnisse herrichten  liess.

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Dies ist nicht das Haus des Autors !

1958:  Alice und Arno Schmidt in Bargfeld

Ende des Jahres 1958  war das Haus in Bargfeld schließlich bezugsfertig und das Ehepaar Alice und Schmidt lebte nun im Heidedorf Bargfeld bei Celle in ruhiger Abgeschiedenheit, einer  Wohn- und Lebenssituation, welche den Wünschen des Schriftstellers durchaus entgegen kam – wie man aus den Zitaten ersehen kann.

Über den ersten Spaziergang in Bargfeld am Heiligabend, Mittwoch den 24. Dezember 1958 – am 2. Weihnachtstag war Vollmond – schreibt Arno Schmidt :

„In Richtung Weyhausen, sehr schön, z.T. ideale Landschaft: Wiesen, Wald ( Kronsbeeren ! Gegessen): 150 Wildenten; Prachtkiefern und -Birken; Ried und `Schmalwasser`; die ersten Wacholder: ich bin sehr zufrieden ( und auch Lilli scheint begeistert) „( TB AS 24.12.1958 )

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Und an Freund Wilhelm Michels schreibt er am 18. Januar (seinem 45. Geburtstag) 1959:

„Jeden Tag wird spazierengegangen – Sie haben die Wasserstiefel ja noch selbst gesehen: >The applause ! Delight! The wonder of our stage!einzig< In den Tagen des großen Frostes hatten wir einen halben Meter Schnee (und andre Sorte, als dieses Hessens Zeugs !); dazu 15 Grad Kälte – das ergab Nebel, Farben, Aufgänge, Rauhreife, Eis, lieber Herr, Eis: das erste Mal in meinem Leben, daß ich von meinem Platz am Schreibtisch den Mond aufgehen sehe ! ( AS an Wilhelm Michels 18.1.1959 )

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Die Bewohner des  kleinen Heidedorf Bargfeld im Landkreis Celle , laut Arno Schmidt „alles Nazis“ , ahnten naturgemäss nichts von der – zumindest in den aufgeklärten Leserkreisen   – Prominenz des neuen Einwohners.  Mißverstände waren programmiert und es gab sie durchaus, Ignoranz und komplettes Unverständnis eingeschlossen; in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit unter Konrad Adenauer keineswegs ungewöhnlich. Schliesslich hatte Arno Schmidt gerade die Pornografie-Klage gegen seine  „Seelandschaft mit Pocahontas“ abwehren müssen, was auch ein Grund war in den protestantischen Norden „umzusiedeln“.

Schmidt verfolgte zeitweise sogar Pläne, nach Irland auszuwandern. Bei Heinrich Böll, der ein Cottage in Irland erworben hatte, erkundigte sich Schmidt en detail nach den Voraussetzungen und Formalitäten für eine Auswanderung; die damals noch ungesicherte finanzielle Situation ohne ein regelmäßiges Einkommen verhinderte allerdings die Realisierung dieser längeren Gedankenspiele.

Für die mit jeder neuen Veröffentlichung stetig wachsende Schar seiner erklärten Anhänger wurde Bargfeld, nun Residenz eines bewunderten Dichters,  dann auch bald ein zum „Sehnsuchtsort“ verklärtes Reiseziel. An manchen Wochenenden war es dem geradezu kulthaft  verehrten Schriftsteller nicht mehr möglich, unbehelligt einen spontanen Spaziergang zu genießen.

Da sich der Dichter konsequent der Öffentlichkeit entzog – Einladungen der Gruppe 47 oder des PEN-Club hatte er abgelehnt –  und auch in Bargfeld zumindest in den ersten Jahren außer den Freunden keine privaten  Besucher empfing, sendeten seine Anhänger und Leser ihm nicht selten „Grußbotschaften“, die sie als Zettel  über den Zaun in den Schmidtschen Garten warfen  bevor sie Bargfeld enttäuscht verliessen. Arno Schmidt war dann an manchen Tagen  damit beschäftigt die feuchten Zettel zum Trocknen auf die Wäscheleine zu hängen. Gelesen hatte er diese Zettel offiziell naturgemäss niemals .

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Arno Schmidt selbst fachte diesen Kult um seine Person auch dadurch an, daß er ein monumentales literarisches Großwerk mehr als einmal wortreich ankündigte, eben „Zettels Traum“

Arno Schmidts Prosa der 1950er Jahre ist sprachlich von einer für den Leser ungewöhnlichen Wortwahl geprägt. Formal kennzeichnet seine oft als „avantgardistisch“  bezeichnete Sprachform  das Bemühen um  neue Prosaformen, die allerdings so gänzlich neu nicht waren;  inhaltlich sind sie teilweise auch von einer klar formulierten Gegnerschaft gegen das restaurative Westdeutschland der Jahre unter Konrad Adenauer geprägt, als sowohl in Politik als auch Justiz der Bundesrepublik die im Nationalsozialismus sozialisierten alten „Eliten“  des Dritten Reiches den Ton angaben  ( Globke ) und die kalten Krieger jeglicher Couleur den Lauf der Dinge noch stärker beeinflussen konnten als es gerade den Intellektuellen im Lande lieb war.

Es sollte noch ein Jahrzehnt dauern bis die junge Nachkriegsgeneration nach 1968 das „dröhnende Schweigen“ der Vätergeneration  aufbrechen konnte.

Kaff auch Mare Crisium

Seine originären theoretischen Überlegungen zu Prosa und Sprache entwickelte  der Autor in den 1960er Jahren in Auseinandersetzung vor allem mit dem irischen Autor James Joyce und Sigmund Freuds Schriften  weiter.  In diesen Jahren  entstanden  die  „Ländlichen Erzählungen“ im Band „Kühe in Halbtrauer“sowie  „Kaff auch Mare Crisium“, der erste von Arno Schmidt in Bargfeld geschriebene Roman. Hier folgt er am klarsten seiner  in den „Berechnungen“ dargelegten neuen Prosaform.

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Die Texte Arno Schmidts  gelten nicht immer zu Unrecht als schwierig. Schmidts  spezielle, teils abenteuerliche  Orthographie und als Ausdrucksmittel eingesetzte Interpunktion, seine wortschöpferische Fantasie und Kompositionstechnik und schließlich sein an teils psychologischen Erkenntnissen orientierter Stil (Gedanken , Tagträume und bildhafte , ja fotografische Momentaufnahmen) sind vielen  Lesern sehr  gewöhnungsbedürftig.

Mehr aber auch nicht, denn – einmal abgesehen von  „Zettels Traum“ oder auch „Abend mit Goldrand“  – es sind die Romane und Erzählungen des „Wortmetzes“ Schmidt durchaus mit Genuß und Gewinn lesbar.  Für das Textverständnis ist es nicht unabdingbar notwendig , alle  Quellen der im Text enhaltenen Zitate zu erkennen oder jedes noch so weit hergeholte Wortspiel zu enträtseln.

Diese Anstrengungen leistet zuverlässig  seit 1972 das von Jörg Drews gegründete  „Arno Schmidt Dechiffrier Syndikat“, Interessierte mögen den „Bargfelder Boten“  lesen.

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Der Leser, der sich auf die Lektüre der Texte des „Solipsisten aus der Heide“ einläßt wird belohnt, denn Schmidts Beobachtungsgabe und sein  scharfer Verstand sind meist überzeugend , seine Sprachformen – wie angeblich „avantgardistisch“  sie auch immer sein mögen –  sind oft voller überraschender Entdeckungen  und sein bissiger Humor teils sarkastisch und bizarr und – auch das kommt vor –   brüllend komisch.

Im Jahr 1970 erschien schliesslich  – dank der Großzügigkeit des Sponsors Jan Philipp Reemtsma – das lange angekündigte und von den Schmidt-Jüngern  geradezu sehnsüchtig erwartete Hauptwerk  „Zettels Traum“  als  1334 Seiten starkes, dreispaltig gesetztes Typoskript im Fischer Verlag.  Im Suhrkamp-Verlag ist es heute  auch als normal gesetztes Buch erhältlich.

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Arno Schmidts in Bargfeld geschriebener und im Dezember 1960 veröffentlichter Roman „Kaff auch Mare Crisium“ gilt vielen Lesern und Kritikern als ein  Höhepunkt seines Werkes. Für Helmut Heißenbüttel gehört der Roman in der deutschen Literatur »in den obersten Rang«. Der Schriftstellerkollege Alfred Andersch urteilt: »Ein großartiges, wildes, trauriges Buch«. (Suhrkamp)

Der Protagonist dieses Romans ist  Karl Richter, ein 46jähriger  „grafischer Lagerbuchhalter“ – das alter ego des Autors , denn genau das war Arno Schmidt bei den Greiff-Werken in Lauban gewesen –  und ein ebenso unbehauster Nachkriegsodysseus wie Walter Eggers in Ahlden,  der im Oktober 1959 mit der Isetta seiner Freundin  von Nordhorn nach Giffendorf  reist um für zwei Tage mit Hertha Theunert, einer Designerin,  seine Tante Heete in einem ›Kaff‹ in der Lüneburger Heide zu besuchen.

Als die selbstbewußte und eigensinnige Hausbesitzerin  Heete  (in Ahlden heisst sie Frieda)  von Karl in seiner Jugend brennend verehrt, dem jungen Paar anbietet zu ihr zu ziehen und gemeinsam auf dem Land – in schöner Abgeschiedenheit in Schmidts geliebter Heide, Bargfeld lässt grüßen  –  von ihrem Erbe  ( in Ahlden sind es im Dachgebälk gefundene Goldmünzen)   zu leben, ist der Konflikt in der Welt.

Um die prüde  Hertha, Tante Heete nennt sie „ein verklemmtes Schtück Fleisch„, für sich zu gewinnen, entwickelt Karl auf den langen Spaziergängen eine Geschichte, die in der Zukunft im Jahre 1980 auf dem Mond spielt. Nach einer atomaren Katastrophe auf der Erde verlängern eine amerikanische und eine russische Mondkolonie unverdrossen den kalten Krieg, mit dem sie bereits erfolgreich die Erde unbewohnbar gemacht hatten.

Das ist die einfache Geschichte einer missglückten Liebe. Sie erzählt auch vom sogenannten deutschen Wirtschaftswunder der späten 50er Jahre, das oftmals an dem „kleinen Mann“  vorbeigeht und von den  Obsessionen des Alltags; vom Versuch des Lebens und Überlebens und einer Liebe in einer als fremd und falsch empfundenen Welt.   Denn der  beginnende wirtschaftliche  Fortschritt  macht  zwar das alltägliche Leben bequemer , steht  jedoch in einem absurden Gegensatz zu den gesellschaftlichen Lebensverhälnissen in der restaurativ erstarrten, reformunfähigen  Adenauer-Republik.

Die Schmidtsche Prosa  schildert die Unmöglichkeit eines „richtigen Lebens“ in einer Welt und Umwelt, die zwar immer besser in der Lage ist, die realen Bedürfnisse ihrer Bewohner zu befriedigen,  in ihrer öden Inhaltsleere und Diskursverweigerung  jedoch keine Antworten liefern kann  auf die drängenden Fragen,  Konflikte und Hoffnungen einer desillusionierten und zerrissenen Nachkriegsgeneration .

Es ist kein richtiges Leben  möglich  im falschen : „Kaff auch Mare Crisium“  ist auch ein literarisches Prisma der westdeutschen  Restauration in den  Fünfzigerjahren.

Arno Schmidt präsentiert eine Prosa  mit einem Sprachwitz, der sich den alltäglichem Leben und Ereignissen des Dorfes und  der ländlichen Umgebung ebenso scharfsinnig beobachtend zuwendet wie der  von den herrschenden Verhältnissen  verschuldeten  Traurigkeit  einer mißglückenden Liebe.

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