Die DDR und die STASI – Meine Erlebnisse in Ostberlin und Leipzig 1973 bis 1987

Die DDR: 28 Jahre deutsche Einheit

Meine Erlebnisse mit der Stasi in OstBerlin und Leipzig 1973 bis 1987

Der Liedermacher Wolfgang Biermann  – die Älteren der unter uns mögen sich erinnern  – sass bereits nicht mehr in der Chaussestraße 131 und sang zur Gitarre in das Mikrofon seines  Grundig Tonbandgeräts, als ich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts  das zweifelhafte Vergnügen hatte, in der Hauptstadt der DDR, also in Ostberlin, an einen sogenannten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik zu geraten.

Sonniger Sonntagmorgen in Leipziz 1984.

Die DDR war für uns Studenten im Westen naturgemäß ein geradezu einzigartiges Faszionosum und Paradoxon zugleich. Faszinierend, weil seit über zehn Jahren  verborgen hinter einer Mauer  eine für die sogenannten Bundesbürger nahezu unsichtbare Existenz führend, paradox andererseits weil diese sogenannte Demokratie sich spätestens mit dem Bau der Mauer in Berlin als das zu erkennen gegeben hatte, was sie war: eine Diktatur. Und zwar nicht die vielbesungene Diktatur des Proletariats sondern eine unterdrückerische und menschenverachtende,  geschlossene Veranstaltung der Einheitspartei SED.

Geschlosen und eben auch verschlossen  deshalb, weil den unfreiwilligen Teilnehmern – den Bürger der Deutschen Demokratische Republik – nicht gestattet war, mal eben ein wenig draussen frische Luft zu schnappen. Den freien Blick versperrte eine Mauer, das freie Wort wurde verschluckt.
Freiheit kann eben auch die Freiheit von allem sein. Diese  sogenannte Freiheit als Abwesenheit von  jeglicher individueller Freiheit war  die tatsächliche Lebenswirklichkeit für Millionen Menschen in diesem „Arbeiter und Bauernstaat“, des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“.

Mit Herz und Kopf ansingend gegen die bestehenden Verhältnisse, verschaffte sich der Grosskommunist , Poet und Liedermacher Wolfgang Biermann zuerst in der DDR ein Auftrittsverbot (1965), dann  ein modernes Tonbandgerät nebst Senheiser-Mikrofon aus dem Westen, um frech und frei ab sofort in seinem Wohnzimmer gegen die Betonköpfe der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands anzubrüllen.
Diese schönen, trotzigen Lieder,  signiert mit der  Melancholie des Romantikers, wurden dann zur Freude aller westlicher Sympathisanten  von Columbia Records  in Vinyl geschnitten. Naturgemäss beim Klassenfeind in der BRD.

Es waren vor allem  auch diese freimütigen, unzensierten und bissigen Gedichte, Lieder und  diese flamboyante Kritik am real existierenden Sozialismus in der DDR, die in der Studentenschaft der BRD  mehr Anhänger  inspirierten und mobilisierten als im sozialistischen Osten. Linke Weststudenten und Intellektuelle zog es in Folge  magisch in das Deutschland hinter der Mauer , dort Kontakte suchend und knüpfend, die alltägliche Lebenswirklichkeit zu erkunden, ungefiltert  das sogenannte wahre Leben dieser geschlossenen Gesellschaft im Alltag, in der Praxis und nicht nur in der rotgefärbten Theorie der verschiedenen Parteigänger kennenzulernen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wohl war !  Und eingedenk  dieser  Dialektik vertrieben sich die Jungs von der Staatssicherheit tagtäglich die Zeit damit zu verhindern, dass die leider notorisch  unzuverlässigen Arbeiter und Bauern ein falsches Leben führten. Denn was richtig war und was das richtige Leben war,  das bestimmte hier  die Partei, die immer Recht hatte. Verkehrte Welt, die platte Dialektik  der Staatssicherheit. So hatte es Adorno eigentlich nicht gemeint und die grosse Sehnsucht nach dem falschen Leben sorgte nicht nur in der Chausseestrasse 131 für kreativ subversive Umtriebe.

Torgau an der Elbe. Der Gedenkstein unten rechts im Bild erinnert an das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte  am 25. April 1945 in Strehla bei Torgau.

 

Gesungen wurde in Biermanns guter Stube bis zum Herbst 1976  auch immer von der Stasi . Die „Stasiballade“ war mit Wortwitz und Ironie eine bitterböse Abrechnung mit dem Unterdrückungs- und Überwachungssystem der DDR mit seinen  zahllosen und allgegenwärtigen Spitzeln und Zuträgern. Gewiss, aufgefallen war  den Intellektuellen in der BRD durchaus,  dass die Wirklichkeit in der DDR dem hohen Anspruch der sogenannten Genossen im Politbüro nirgendwo genügen konnte. Woraus sich unter anderem ergeben musste , dass  „solange der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang hinter dem Masstab eines gerechten Lebens zurückfällt, es für die Menschen gar nicht möglich ist, moralisch richtig zu handeln!“
 Da schau her.
 Jede Trennung des moralischen Prinzips vom gesellschaftlichen hat auch den Verzicht auf menschenwürdige Verhältnisse zur Folge. Hören wollte man solche Theorien in Ostberlin ungern.
Die wohlwollende Sympathie, mit welcher der  in der DDR angeblich  real existierende Sozialismus von den westdeutschen Intellektuellen betrachtet wurde,  trieb oftmals seltsame Blüten. Viele aber hofften mit Biermann unverzagt auf die zukünftige  Besserung der Verhältnisse:
„Wir machen hier Sozialismus,
trotz Rotz und Stalinismus
und öffnen uns noch die Welt !“
( enfant perdu )
Die Milchbar „Espresso“ in Ostberlin
Es war gegen Ende des Jahres 1974, als ich erstmals in Kontakt mit der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik geriet. Ich trank einen Kaffee in der neuen Milchbar „Espresso“ am Alexanderplatz, nachdem ich meine erste Runde im Panoramacafe des neuen Fernsehturms gedreht hatte und den klaren Blick hinüber ins westliche Berlin genossen hatte. Diese erste Ansprache war leider ebenso plump wie vorhersehbar, denn der Stasi-Mitarbeiter war ja als solcher  sowohl in Berlin Ost als auch in Leipzig überall und jederzeit sofort erkennbar an seinem „unauffälligen“ Herumlungern bevorzugt in den von  Touristen frequentierten Lokalitäten sowie an den öffentlichen Treffpunkten Alex, Unter den Linden et al. Der junge Mann, er nannte sich Sascha, sprach mich  freundlich an meinem Tisch an. Er hatte mich selbstverständlich  als „Westler“ erkannt , was er mir nun auch sofort kundtun musste. Dass ich ihn ebenfalls auf den ersten Blick als Stasi-IM enttarnt hatte, verschwieg ich naturgemäss. Ich gab den naiven Westdeutschen, auf Sightseeing im neuen Zentrum der DDR-Metropole und lobte über die Maßen den Kaffe im sich ewig drehenden  Fernehturm-Cafe. Er war scheinbar begeistert ob meines Lobes.
Weimar zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik 1984.

Meissener Porzellan 

Sich anschloss ein Spaziergang in der Septembersonne Unter den Linden, denn ich suchte hier nun gezielt ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Warum nicht aus der Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates ? Die grossen Schaufenster der offiziellen Verkaufstelle der Meissener Porzellanmanufaktur zogen mich magisch an, etwas zum Unwillen meines unfreiwilligen Fremdenführers: „Meissner darfst Du nicht exportieren, das werden sie Dir sicher an der Grenze wegnehmen“.

Ich ging trotzdem hinein, er folgte schweren Fusses. „Ich kaufe immer soviele Bücher, da werde ich eine kleine Vase sicher ganz gut verstecken können“ erwiderte ich unbesorgt und erstand eine etwa fünfzehn Zentimeter hohe Vase, welche ich besonders sorgfältig und liebevoll verpacken ließ. Sie kostete stolze hundertachtzig Ostmark ! Da ich unerlaubterweise meine Ostmark in Westdeutschland zum Kurs von eins zu sechs eingekauft hatte, zahlte ich also lediglich dreissig Westmark für das gute Stück.

Dieser heimliche Devisentransport war damals für einen armen Studenten unerlässlich, wollte er möglichst billig möglichst viele Bücher im Osten einkaufen. Gab ja Klassiker, Kunst und Literatur in Hülle und Fülle ( sogar Arno Schmidt !!!), auch interessante Lizenzausgaben. Und zur Tarnung immer ein paar blaue Bände Marx und Engels obendrauf . Drei Bände Kapital stabilisieren das Regal – und erfreuten den Grenzer.

Der arme Student kam glaubhaft rüber, ich fuhr schliesslich R4 ! Glaubhaft rüber kam bei mir auch das Angebot meines treuen Stasi-Begleiters, mir doch lieber die kostbare Vase per Post nachzusenden: „Da kannst Du sicher sein, dass sie auch ankommt ! Die machen doch eh nur Stichproben bei der Post.“ Dass die Vase sicher ankommen würde glaubte ich ihm naturgemäss sofort .

Zehn Tage später war sie da. Die Stasi war in jeder Hinsicht zuverlässig . Meine Mutter war begeistert !

Es folgten mehr oder weniger regelmässige Postkarten bis im darauffolgenden Sommer eine Einladung nach Ostberlin folgte. Er würde sehr gern auch einmal meine Frau kennenlernen und uns zu seinem Geburtstag einladen, es seien ja nur 300 Kilometer von Hannover und so weiter… . Kam ein bisschen plötzlich, diese recht private Einladung, aber wir nahmen an.

„Sehr gern“ sogar, wie meine Frau hinzusetzte. Sie war in der Tat sehr neugierig auf Ostberlin und die DDR !

Grau und kalt war der März im tristen Zentrum Dresdens 1986. Fotos: Jürgen Mügge.Luttermann

folgt:

Ein denkwürdiges Abendessen in den „Zille Stuben“

Die Stasi und die Galerie EigenArt in Leipzig 1987

Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt

alexander von humboldt-rüdiger schaper-siedler verlagDer Preuße

und die neuen Welten

«Die Welt bedient sich Humboldts, um sich selbst kennenzulernen».

Vor allem lernt die Welt nach 1800 durch Humboldt den südamerikanischen Kontinent in seiner ganzen Vielfalt kennen. Diesem selbstbewussten Diener nicht nur seiner Epoche kommt man in Schapers lesenswertem Buch recht nahe, wenn auch selten so, dass man den Menschen Humboldt hinter dem berühmten Universalgelehrten wirklich kennenlernen würde.

Das Buch gewährt einem von Seite zu Seite immer wieder faszinierende Einblicke in das Schreiben und Zeichnen des unermüdlichen Forschers Humboldt. Nichts konnte diesem gelehrten und an allem interessierten Menschen zu gering oder zu merkwürdig sein, wie sich etwa an der überlegenen Sorgfalt zeigt, mit der er sich dem Körperbau des Wasserschweins widmete, und zwar von den Backenzähnen bis zu den Beinen.

Das Buch zeigt den polyglotten Humboldt auch als Menschenfreund, der er durchaus war. Aber eindrucksvoller noch als überagenden Wissenschafter seiner Zeit, der eine neue Art der wissenschaftlichen Betrachtung des Menschen und überhaupt der «Phänomene des Lebens» im Zusammenhang mit der unbelebten Natur schuf, lange bevor in Europa die «Ökologie» ihren Platz im Bewusstsein der Menschen fand.

Sehr interessante und lesenswerte 284 Seiten, die uns Rüdiger Schaper hier vorlegt und die verführen, mehr über diesen universalen Menschen und Forscher Humboldt zu erfahren.

Rüdiger Schaper – Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten – Siedler Verlag – 284 Seiten – ISBN 978-3-8275-0074-8

 

Arno Schmidt in Ahlden 1954

Arno Schmidt in Ahlden 1954

   Manches zu Arno Schmidt – Das steinerne Herz

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Das steinerne Herz und die Prinzessin von Ahlden

  Alice und Arno Schmidt fahren am  Sonntag, den 25.Juli 1954 mit der Bahn von Serrig / Saarland nach Hannover, wo  sie im Staatsarchiv bzw. Landesbibliothek angemeldet sind, um einige Staatshandbücher und Archivmaterial zu Schmidts Fouque-Biografie  und zur Prinzessin Sophie-Dorothea von Braunschweig-Lüneburg-Celle – der sogenannten „Prinzessin von Ahlden“ –  einzusehen. Die Anreise von Serrig im Saarland ist damals noch eine sehr lange und strapaziöse Bahnfahrt durch die Nacht. Alice und Arno Schmidt verlassen Serrig am Sonntagabend um 17.34 Uhr, müssen dort noch vor der Abfahrt eine gründliche Zollkontrolle über sich ergehen lassen, denn das Saarland kam erst im Jahr 1957 zur Bundesrepublik Deutschland. Die Fahrkarten für zwei Personen für die 580 Kilometer kosten 130 Mark.

Hannover erreichen sie am Montagmorgen, den 26. Juli. Es erwartet sie im frisch renovierten Bahnhof ein geöffneter Wartesaal, wo sie ein Frühstück, bestehend aus Bier und Würstchen, zu sich nehmen, bevor sie im Dauerregen mehr laufend als gehend die Landesbibliothek erreichen. Ein Schirm wird nicht angeschafft: viel zu teuer ! Der Herr Professor Schnath erwartet bereits den angemeldeten Arno Schmidt, und während er in der Landesbibliothek  Dokumente liest und Abschriften macht, erledigt Alice unten im kleinen Lesesaal die ihr von Arno aufgetragenen Abschriften. In ihrem Tagebuch von 1954 vermerkt Alice Schmidt:

 Und wir arbeiten.  Arno durchsieht ganze Aktenbündel Akten über die Prinzessin von Ahlden. Interessant.  Alles ist aufbewahrt.  Ganz interessante Stücke zeigt er mir zwischendurch mal schnell.  Ich kopiere 8 Staatshandbuchseiten  ….  Aber manchmal kommt doch die Müdigkeit stark durch. Hilft nichts.  –   Nach 14h sind wir fertig.“

Es regnet nicht mehr, also zurück zum Bahnhof. Eine Stärkung mittels Bratwurst und „schlesischer Knoblauchwurst„, die keine war. Arno Schmidt aber geht der Trubel der Stadt Hannover furchtbar auf die Nerven, zumal  gerade Sommerschlussverkauf ist:

Las uns bloß heimfahren. Ich halte mit meinen Nerven keine Großstadt mehr aus „.

Im Aktualitätenkino bringt Arno Schmidt eine Zeichentrickfilm mit dem Titel „Hawaiian Holiday“  jedoch wieder zum Schmunzeln. Um 17 Uhr besteigen sie endlich den lang erwarteten Eilzug von Hannover nach Hamburg über Walsrode und Soltau.

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Alter Holzschuppen am Haus No.31

In Schwarmstedt steigen sie in den Zug nach Verden , und Arnos Miene hellt sich auf:“ Arno ging sein ganzes Herz auf als er die sich jetzt wiedermal auftuenden weiten Wiesen und Wälder Norddeutschlands sah. Und schöne umheckte Weiden warens und schöne hohe Wälder „.

 Ahlden  liegt im Aller-LeineTal zwischen Verden  im Nordwesten und Celle im Südosten. Der kleine Ort, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1140 zurück verfolgt werden können, brannte im Dreißigjährigen Krieg vollständig ab, und auch später suchten einige verheerende Brände den Ort heim. Dennoch sind viele historische Gebäude erhalten, entweder weil sie die Brände überstanden, oder weil sie zumeist konsequent danach wieder aufgebaut wurden. Die Alte Leine, eigentlich ein alter Aller-Arm, weist auf die Versuche hin, einen Flussarm der Aller, die nach einem Hochwasser 1618 ihr Bett nach Norden verlegt hatte, durch künstliche Umleitung der Leine weiter zu nutzen. Hier  bietet die Alte Leine auch einen sehr schönen natürlichen Badeplatz. Am nordöstlichen Ufer des Gewässers findet sich eine Liegewiese mit Sandstrand. Zugang über die Leinebrücke Richtung Hodenhagen, dann  links in den  Feldweg. 10 min. Fußweg vom Ortskern.

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Schild am Haus „Thumann“ No.31

 

Heute  ist Ahlden ein Bestandteil des Aller Radwegs und auf diesem durch die Allerwiesen gut zu erreichen. Von Schwarmstedt im Süden kommend wird er im Nordwesten des Ortes auf der Trasse der stillgelegten Bahnlinie Verden-Schwarmstedt nach Rethem (Aller) weitergeführt. Auch der Leine-Heide-Radweg führt durch diesen Ort, in etwa 11 km von Schwarmstedt kommend und weiter nach Hodenhagen (2 km) und Soltau (40 km) führen. Durch Ahlden führt eine Variante des Jakobsweges, des Jakobuswegs Lüneburger Heide, auf dem Abschnitt von Hittfeld nach Mariensee.

Um 18Uhr20 am 26. Juli 1954 kommen Alice und Arno Schmidt in Ahlden an und kehren sogleich in den „Gasthof zum Bahnhof“ ein. Das Zimmer unterm Dach mit Blick über die Linden auf den Flecken Ahlden kostet pro Nacht vier Mark . Arno:  „was? 4 Mark ? Haben Sie sich auch nicht geirrt ? „
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Fachwerkgiebel in Ahlden
 „Prächtig diese Fachwerkhäuser. Was für ein hübscher Anblick bildet so eine Straße ! Giebel (mit Walmdach) meist auf die Straße zu. Hier gabs keine Misthaufen !  “  
 Bevor das Tageslicht schwindet machen Alice und Arno noch einen kleinen Spaziergang:
 „Arno sagt, er erinnere sich an diese Straße (Teerstraße) noch sehr gut denn über die wären wir, von Rethem kommend, tandemiert. Ab und zu schöne Bänke im Hain“.
  Alice und Arno Schmidt hatten bei Fallingbostel , im Mühlenhof Cordingen, fünf Jahre gewohnt, von dort aus Tandemfahrten unternommen. Schmidt plant, seinen nächsten Roman , der nach diversen Arbeitstiteln schließlich „Das steinerne Herz“ heißen wird, hier in dem kleinen norddeutschen Flecken Ahlden anzusiedeln.
„Das steinerne Herz – ein historischer Roman aus dem Jahr 1954
ist naturgemaess kein wirklicher „historscher Roman“ sondern die Geschichte  eines
 sonderbaren Sammlers alter Bücher, der sich  in Ahlden bei einem Ehepaar einquartiert, in deren Besitz er einige begehrte Folianten vermutet.
 Sein – wie auch des Autors – bevorzugtes Interesse gilt speziellen Ausgaben der „Hannoverschen Staatshandbücher„.   Der Protagonist des Romans, Walter Eggers  (alter ego ) , ist wie schon in „ Brand’s Haide“, im“ Faun“ , in  „Schwarze Spiegel“ oder auch dem später erschienenen „Kaff auch Mare Crisium“  ein unbeweibter und wohnungsloser Nachkriegsodysseus; ein   intelligenter, gebildeter und belesener Einzelgänger auf literarischer und erotischer Spurensuche.
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 Ansicht von Ahlden an der Kirche
Die verheiratete , vom Ehemann vernachlässigte  Zimmerwirtin Frieda Thumann ist naturgemäß sofort Objekt der Fantasie und Begierde und der Vollzug lässt auch nicht lange auf sich warten zumal der Ehemann, der als Fernfahrer wöchentlich mit Frischmilch von Rethem nach Westberlin auf den Straßen der Republik unterwegs ist, dortselbst im Ostteil der Stadt seine Geliebte Line unterhält.  Man arrangiert sich nonchalant in zweifach wilder Ehe. Eine für das Jahr 1954  äusserst kühne  Wohngemeinschaft. Alfred Andersch bezeichnete “ Das steinerne Herz “ als Arno Schmidts bis dahin erotisch verwegensten Roman.
Was hat die Partei auf ihre Fahnen geschrieben? „- (Karl verdutzt vorm weit geöffneten Radio); „die sexuelle Befriedigung aller Staatsbürger ?!“  („Die materielle Mensch !“) Und er enttäuscht: „Och so.“
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Schloss Ahlden
 Die ganze Handlung der Geschichte ist einfach  und kolportagehaft, der teils sarkastische Humor jedoch und die gnadenlose Kritik an den bestehenden Verhältnissen der Nachkriegsjahre unter Adenauer geben dem Roman die schmidt-typische Schärfe und Frische der frühen Erzählungen. Ganz abgesehen davon, daß Schmidt auch dieser Roman als Folie dienen muß, seine immer mal wieder proklamierte  intellektuelle  Überlegenheit schon in den ersten Zeilen auszubreiten:
 “ ( Intelligenz lähmt, schwächt, hindert ?: Ihr werd`t Euch wundern!: Scharf wie`n Terrier macht sie !! ) „
 Schmidts Ausdrucksform – wie in den „Berechnungen“ ausführlich dargelegt – ist expressionistischer  geworden  ( teils durchaus mit unfreiwillig komischen Effekten ), das „längere Gedankenspiel“  gewinnt Raum; seine exzentrische Interpunktion kann über die Länge eines Romans  jedoch auch den geneigtesten Leser ermüden.
 Arno und Alice Schmidt setzen ihre Recherche in Ahlden fort, sie spazieren am Eichenhain entlang, vorbei am alten Kriegerdenkmal, an welchem Arno Schmidt naturgemäß die Namensliste der Gefallenen sehr interessiert. Die Fachwerkgiebel faszinieren mit ihren alten Inschriften, aber vorerst geht es über die zum Wochenende stets frisch gefegten Bürgersteige direkt zum Schloss Ahlden:
 „Alles schön sauber.  Sahen uns aber zunächst noch nicht viel um sondern wollten ja zum Schloss. Und da war’s. Zum 3.x sahen wirs jetzt.“
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 Der  zweigeschossige Bau stammt aus verschiedenen Epochen. Um 1290 entstand hier eine Wasserburg. 1579 wurde der Südflügel in Fachwerkbauweise errichtet. Es folgten 1613 der Hauptflügel in Ziegelstein und Fachwerk sowie etwa um  1700 der Nordflügel des Schlosses Ahlden. Zur endgültigen Fertigstellung im 17. Jahrhundert wurden die Überreste der zerstörten nahegelegenen  sogenannten Bunkenburg genutzt.

Berühmt wurde das Schloss Ahlden als Verbannungsort der Celler Herzogstochter Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg , der Gattin des Kurfürsten Georg Ludwig von Hannover (später Georg I. von England) der sogenannten „Prinzessin von Ahlden“.

Die unglückliche Ehe und die daraus resultierende Affäre mit dem schwedischen Grafen Königsmarck trugen ihr  wegen erwiesenen Ehebruchs die lebenslange Verbannung ein (von 1694 bis 1726). Dieser Ort war Schauplatz einer echten Tragödie und machte das Schloss berühmt. Danach war das Schloss Dienstwohnung der Landdrosten und ab 1788 Amtssitz und Gefängnis. Seit 1310 wurde in Ahlden Recht gesprochen. Früher im Freien, danach bis 1972 im Amtsgericht  im Schloss.
 In den Räumen des Schlosses Ahlden war 1954  noch das Amtsgericht untergebracht. Ein anwesender älterer Mann entpuppte sich als Wachtmeister Skusa, der dort im Schloss wohnte und dann und wann auch den Fremdenführer gab. Arno Schmidt kam mit ihm sofort in ein Gespräch, wusste ihm auch einiges Neues zu berichten. Der Wachtmeister führte sie in die oberen Schlossräume, wo Alice Schmidt zu ihrem hellen Entzücken sogleich  einen alten Porzellankamin und Delfter Kacheln entdeckt. Schließlich sehen sie die Wohnräume der verbannten „Prinzessin von Ahlden“ :

Dann war der Schlafraum der Prinzessin mit einem nicht besonders tiefen Alkoven in dem das Bett gestanden.  Sehr viel Platz hat sie darin nicht gehabt. …. Als einzige Erinnerung an seine Bewohnerin hing nur ein Stich, ihr Porträt, da. Eine dunkle, mit Blumen geschmückte Schönheit . – Im Nebenraum … war sie als Leiche aufgebahrt. –  So, wieder hinunter“.

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Der Morgenspaziergang führt sie naturgemäss sofort wieder zum Schloß Ahlden , wo sie auch den Amtmann wiedersehen, der ihnen noch einige alte Bäume an der alten Leine zeigt. Sie „knipsen“ das Schloß von allen Seiten  bevor sie zum Mittagessen in den Gasthof zurückkehren. Es erwartet sie dort ein üppiges Mittagsmahl, bestehend aus Koteletts, neuen Kartoffeln und Blumenkohl, in den kleine Fleischbällchen hineingesteckt sind:

“ Sah frappant aus und schmeckte auch gut. Salat noch……ein Ortsansässiger erzählt, könne sich erinnern, wie in seiner Jugend noch Leute im Ort gewesen wären, die Sachen v. der Prinzessin gehabt hätten  „.

Sie gehen nochmals durch den Flecken Ahlden: Arno Schmidt nummeriert auf einer von ihm selbst gezeichneten Kartenskizze des Ortes alle Häuser durch, Alice notiert zu jedem Haus die ihr von Arno diktierten  Beschreibungen und Anmerkungen. Das alte Wappen der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg  Celle von 1613 an der Schloßfassade wird abgelichtet sowie auch das Schloß von der alten Leineseite aus fotografiert.

 

Das Wappen der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg  1613  an der Schloßfassade

Weiter gehts vorbei am Drogisten, an der Sparkasse „( mit dem hübschen alten Holzbalkönchen)“. Im kleinen Eisladen, einem netten Lokälchen, setzen sie sich und essen jeder einen Becher Eis: “ Donnerwetter, das schmeckt aber gut ! “

Vom Eisverkäufer, einem Flüchtling aus Ostpreußen müssen sie erfahren, daß ihm zum Jahresende die Pacht gekündigt wurde; er muß künftig anderenorts  sein Glück suchen. Überhaupt treffen sie auf mancherlei entwurzelte und zerrissene Nachkriegsexistenzen in dem kleinen Flecken am Rande der Heide. Ein siebenjähriger Junge aus der Familie der Gasthausbetreiber starb vor einer Woche  an einer Blutvergiftung nachdem er sich bei einem Sturz eine leichte Knieverletzung zugezogen hatte. Die Stimmung ist gedrückt.

Der Rundgang durchs Dorf wird fortgesetzt, die Route durch Ahlden wird von Alice Schmidt in ihrem Tagebuch sehr ausführlich geschildert. Es gibt ja mittlerweile auch websites, auf denen jeder einzelne Schritt des Dichters akribisch vermerkt ist ! Notizen werden dabei  von Alice Schmidt, teils nach Diktat, eifrig gemacht sofern es ein stellenweise  niedergehender Regen erlaubt; es wird eifrig geknipst. Das komische, turmartige Spritzenhaus, in dem die Schläuche zum Trocknen hängen, die Kirche. Das Kaufhaus Wilhelm Gellermann hat eine hübsche  Dekoration zum Schlußverkauf in dem Fenster, was Alice eine ausführliche Anmerkung wert ist.. Dann geht es rechts hinüber zum Büchtener Holz und zurück, schräg gegenüber sehen sie die „Bunkenburg“.

verwirrende Sagen der Einwohner: dort hätte das Schloß eines Raubritters gestanden Arno hält das für strategischen Wahnsinn“.

Nun gilt es noch, für den neuen Roman  „Das steinerne Herz“ das Haus des Romanhelden Walter Eggers auszusuchen. Sie einigen sich auf ein eher unscheinbares Haus  Nr. 31 am Ende einer Straße mit weitem Blick über Wiesen, Viehweiden und umheckte Felder und einem Hof dahinter, Arno Schmidt gefällt der Ort sofort. Und daneben so eine lange, schwarze Holzscheune.

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Und bunte Kühe stehen auch herum, und in manchen Weiden auch Pferde. Alles wird fotografiert, insgesamt drei Filme sind nun voll geworden und werden in einem Karton nachhaus geschickt; sie wollen  diese wichtigen Dokumente vorsichtshalber nicht nach Ostberlin, in die damals  sogenannte „sowjetische Besatzungszone“, mitnehmen.

„Wenns verloren geht, war die ganze Reise umsonst“.

Arno Schmidt und die internationale Moderne von Friedhelm Rathjen lesen Sie hier

Anita Ree

Anita Rée  Das Werk

Anita Ree ist eine der faszinierenden und rätselhaften Künstlerinnen der 1920er-Jahre.

 

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Anita Ree – Selbstportrait 1930

Anita Ree lebte in vielerlei Hinsicht ein Leben zwischen den Welten: als selbstständige Frau in der Kunstwelt zwischen Tradition und Moderne, als regionale Künstlerin mit internationalem Anspruch,  als protestantisch erzogene Hamburgerin mit südamerikanischen und jüdischen Wurzeln.

Auch in den Werken Anita Rées (1885–1933) spiegeln sich die zum Teil radikalen Veränderungen der modernen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht dabei die existentielle Frage nach der eigenen Identität. In eindringlichen Bildern präsentiert Rée Menschen anderer Herkunft und das Selbst als fremdes Wesen. Ihre intimen Frauenakte berühren. Porträts von Herren der Gesellschaft, die südliche Landschaft als Sehnsuchtsort, weltliche Figurenbilder mit religiösem Gehalt oder vereinzelte Tiere in kargen Dünen zeigen die große Vielfalt ihrer Motive. Sie  reichen  von impressionistischer Freilichtmalerei über kubistisch-mediterrane Landschaftsbilder bis hin zum neusachlichen Porträt.

Im Prestel Verlag erschien dieses Werkverzeichnis, herausgegeben von der Hamburger Kunsthalle, im Format 30x40cm, mit vielen, teils ganzseitigen Abbildungen.

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Anita Ree – Das Werk – Prestel Verlag – 260 Seiten – ISBN 978-3-7913-5712-6

Manches über die deutsche Seele

thea dorn - die deutsche seele-schriftsaetzer-blog-cellensiaDie deutsche Seele

Thea Dorn und Richard Wagner über die deutsche Befindlichkeit

Wer sich für deutsche Kultur und Geschichte interessiert, wird in diesem  560 Seiten schweren Buch über ein schwieriges Thema eine Unmenge an Informationen samt Hintergrundwissen finden.

Die Stichworte beginnen mit dem deutschen Abendbrot und enden mit Zerrissenheit, dazwischen finden sich die Ordnungsliebe ebenso wie die Narrenfreiheit und auch „das Weib“ findet in einem Kapitel gebührende Erwähnung. Diese  Aufreihung in einzelne Stichworte ermöglicht es dem Leser, sie auch in beliebiger Reihenfolge zu lesen, da sie – der deutschen Ordnungsliebe sei Dank – alphabetisch geordnet sind. Manches ist durchaus humorvoll, vieles anderes ist historisch, durchgehend sind die Artikel sehr informativ, unterhaltsam und kenntnisreich geschrieben.

Die vielen gut gewählten historischen Fotos oder auch Zeitschriftenblätter, wichtige Kunstwerke, ausgesuchte Karten etc. illustrieren diese 64 Textkapitel zur sogenannten „deutschen Seele“ und veranschaulichen das, was viele von uns als das „deutsche Lebensgefühl“ bezeichnen würden. Sogar dem „Seelenhintergrund sind einige Seiten gewidmet. Dankenswerterweise können das umfangreiche Register und die Lektüreempfehlungen im Anhang weitergehende Recherchen ermöglichen. Ein wichtiges und sehr lesenswertes Buch, das nun auch in broschierter Ausgabe zum Vorzugspreis erschienen ist.

Thea Dorn & Richard Wagner – Die deutsche Seele- 560 Seiten – Knaus Verlag – ISBN 978-3-8135-0789-8