Das Shakespeare & Company Projekt: Das legendäre Pariser Archiv wird digitalisiert

Shakespeare & Company Paris öffnet das Archiv

Das Projekt zur Digitalisierung von Schallplatten aus der Buchhandlung und Leihbibliothek Shakespeare &  bietet einen Einblick in Paris während des Jazzzeitalters und enthüllt die literarischen Vorlieben literarischer Titanen wie Hemingway , James Joyce und Gertrude Stein .

Die handgeschriebenen Karten zeigen, dass Hemingway 1925, Jahrzehnte bevor er seinen Roman „Der alte Mann und das Meer“ schrieb , Joshua Slocums Memoiren „Alleine um die Welt segeln“ auslieh. Und die Aufzeichnungen, die von den Angestellten des Geschäfts gekritzelt wurden, zeigen, wie Stein intellektuelle Bestrebungen mit leichteren Lesarten in Einklang brachte, darunter TH Crosfields historische Romanze „A Love in Ancient Days“ und Andrew Soutars „Fantasy Equality Island“.

Als Sylvia Beach 1919 Shakespeare and Company eröffnete, waren englischsprachige Bücher in Paris teuer und schwer zu finden. Schriftsteller und Künstler, die in die Hauptstadt der literarischen Moderne gekommen waren, beeilten sich, sich für den Bibliotheksdienst von Beach anzumelden. Zusammen mit Hemingway und Stein wurden Schriftsteller von Aimé Césaire bis Simone de Beauvoir , Jacques Lacan, Walter Benjamin und Joyce Mitglieder – und wären mit einer Zeichnung eines verärgerten Shakespeare, der sich die Haare ausreißt, für späte Rückkehr gejagt worden .

Beach veröffentlichte 1922 den umstrittenen Roman Ulysses von Joyce und hielt den Laden bis 1941 offen, als sie geschlossen werden musste, nachdem sie sich geweigert hatte, ihr letztes Exemplar von Joyces Finnegans Wake an einen Nazioffizier zu verkaufen . George Whitman eröffnete 1951 eine neue Inkarnation des Geschäfts , und Beachs Papiere wurden 1964 von der Princeton University erworben. Die Universität arbeitet seit 2014 daran, Aufzeichnungen aus dem riesigen Archiv zu digitalisieren, das 180 Kartons umfasst, und sie Forschern online zur Verfügung zu stellen Zum ersten Mal im Rahmen des Shakespeare and Company-Projekts .

Joshua Kotin, außerordentlicher Professor für Englisch in Princeton und Projektleiter, sagte, Beach sei ein „akribischer, obsessiver Protokollführer“ und „wir entwickeln erst jetzt digitale Tools, mit denen wir das Potenzial des Archivs verstehen und realisieren können“. .

„Es gibt noch so viele Schätze zu entdecken. Wenn Sie alle Papiere im Archiv stapeln, wäre dies ein 78-Fuß-Turm “, sagte er. „Ich finde immer noch Schätze – zum Beispiel habe ich kurz vor der Pandemie ein Manuskript für George Antheil’s Ballet Mécanique (1924) gefunden, das Antheil Beach gegeben hat.“

Eine von Hemingways Leihkarten, Shakespeare and Company
 Eine von Hemingways Leihkarten, Shakespeare and Company. Foto: Shakespeare and Company

Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass Hemingway mehr als 90 Bücher ausgeliehen hat, von PT Barnums Autobiografie bis zu Lady Chatterleys Liebhaber, die er im September 1929 acht Tage lang überprüfte – dem Jahr, in dem DH Lawrences Roman 30 Jahre vor seiner Veröffentlichung in den USA erstmals in Frankreich erschien . 1926 lieh er sich eine Kopie von Tom Jones ‚Stierkampf aus –  der Stierkampf spielte eine zentrale Rolle in seinem Roman „The Sun Also Rises“ von 1926 . Er kaufte auch eine Kopie seines eigenen Romans „A Farewell to Arms“ im Laden.

Einige der Aufzeichnungen, sagte er, „erzählen eine überraschende oder ergreifende Geschichte“. Kurz vor seinem Tod lieh sich Walter Benjamin zwei Bücher aus: ein deutsch-englisches Wörterbuch und Lord Bacons physikalische und metaphysische Werke. Als Frankreich an die Deutschen fiel, floh Benjamin aus Paris, tötete sich jedoch im September 1940, nachdem die spanische Polizei ihm mitgeteilt hatte, dass er der Gestapo übergeben werden würde.

Das Archiv stellt unerwartete Verbindungen her, fuhr Kotin fort, Jacques Lacan leiht sich ein obskures Buch über die irische Geschichte aus, weil er Joyce’s Ulysses liest; Claude Cahun – unter dem Namen Mlle Lucie Schwob – liest Henry James; Gertrude Stein liest Fantasy-Romane.  “

Die American Library Association verlangt von Bibliotheken, dass sie Benutzerdatensätze vernichten, um ihre Privatsphäre zu schützen. Shakespeare and Company war nicht mit der ALA verbunden, und Beach behielt alles. „Sie hätte wahrscheinlich ihre Unterlagen zerstören sollen“, sagte Kotin, „aber ich bin froh, dass sie es nicht getan hat.“

Shakespeare war nicht allein

Christopher Marlowe als Co-Autor entdeckt

Es war schon seit dem 18. Jahrhundert vermutet worden, dass William Shakespeare möglicherweise nicht der alleinige Autor der Komödie „The Taming of the Shrew“ (Der Widerspenstigen Zähmung) gewesen sei.

Nun hat Professor John V. Nance von der „New Oxford Shakespeare“ Forschungsgruppe einen Beweis geliefert. Das Forschungsteam untersucht seit Jahren die verfügbaren Texte aller britischen Theater-Autoren der Jahre 1576 bis 1594 – vorerst noch zeitraubend mittels individuellen Textvergleichen, aber seit kurzem auch vollautomatisch digitalisiert – auf Übereinstimmungen in der Wahl signifikanter Worte und Redewendungen.

„Das neue System wird ca. 500 Worte pro Sekunde analysieren können, das hat bisher mindestens einige Wochen gedauert“, berichtete Nance dem britischen „Guardian“. „Wir können nun ein Theaterstück binnen einer Woche analysieren“.

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Christopher Marlow 1585

Die gefundenen Übereinstimmungen mit den Texten von Christopher Marlowe beziehen sich auf die dritte Szene des Stücks.

Der Aufsatz von Professor Nance wird demnächst in einer Buchveröffentlichung im Cambridge-Verlag erscheinen.

Quelle: The Guardian, 15.4.2020

Bob Dylans neuer song über das Attentat an John F. Kennedy in Dallas 1963

„Murder most foul“ -Bob Dylan’s neuer song über das Attentat auf John F. Kennedy

17 Minuten zurück in die bösen, wilden  Sixties

Bob Dylan – Murder most foul

Bob Dylans neuer song über das Kennedy-Attentat

In „Murder Most Foul“ besingt der Literatur-Nobelpreisträger zunächst das mörderische Attentat auf den populären US-Präsidenten John F. Kennedy vor 57 Jahren – ein verheerendes amerikanisches Trauma, das weit über diese Ära hinausging: „Es war ein schwarzer Tag in Dallas, im November 1963. Der Tag, der für immer mit Schande verbunden sein wird“, raunt Dylan in seinem typischen Sprechgesang zu dezenter Piano- und Streicherbegleitung. Und weiter: „Ein guter Tag zum Leben und ein guter Tag zum Sterben.“

Von den Beatles über Woodstock bis zu John Lee Hooker, Marilyn Monroe und Charlie Parker – mit vielen bekannten Künstlernamen, Liedtiteln und Ereignissen garniert Dylan danach liebevoll seine formidable Beschreibung des Lebensgefühls der Sixties.

Seine Stimme klingt oft zärtlich bei all diesen Erinnerungen – sie hat nichts vom nasalen Keifen und wütenden Bellen, mit dem der Sänger bei Konzerten gern mal seine altbekannten, den Fans fast heiligen Songs zerrupft. „Murder Most Foul“ – das ist Storytelling auf höchstem Niveau, ohne dass sich in dem refrainlosen Lied musikalisch viel ereignet.

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Monet im Barberini Museum Potsdam

Kunst

Monet und seine Orte im Barberini Museum Potsdam

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Claude Monet – Küste von Aval

Monet. Orte

22. Februar bis 1. Juni 2020

Für seine Landschaftsbilder suchte Claude Monet immer wieder die gleichen Orte auf oder fertigte an einer Stelle umfangreiche Serien an. So entstanden auf Reisen zahlreiche Gemälde an der Küste der Normandie, im niederländischen Zaandam oder in London und Venedig. Ihn interessierten nicht pittoreske Sehenswürdigkeiten, sondern Licht- und Wetterphänomene und ihre verschiedenen Auswirkungen auf diese Orte.

Auch an seinen Wohnorten wie Paris, Argenteuil, Vétheuil und Giverny gewann er der alltäglichen Umgebung Motive wie Parks, Gärten und Seerosen ab, mit denen er seine Auseinandersetzung mit Licht und Farbe weiter vorantrieb. In Zusammenarbeit mit dem Denver Art Museum, wo die Ausstellung unter dem Titel Claude Monet: The Truth of Nature vom 20. Oktober 2019 bis zum 2. Februar 2020 zu sehen sein wird.

ARD Tagesschau: Bisher größte Monet-Ausstellung Deutschlands; Berliner Morgenpost: „Auf drei Etagen wird ein Bogen von Monets erster Komposition bis zu späten Darstellungen seines Landhauses und Wassergartens in Giverny gespannt“; Berliner Zeitung: ‪„Meditativ-schöne, intime Motive … Zum Entzücken des Publikums und der Fachwelt spürt diese Bildversammlung jenen Orten nach, aus denen Monet seine Inspiration bezog“; BR5: „Die prachtvolle Schau macht das Werk im Wechsel der Farbtemperaturen erfahrbar“; Der Tagesspiegel: „Wie bei den Vorgängerausstellungen im Barberini sortieren sich die Bilder eines schier tausendfach gezeigten Künstlers neu, wie man sie noch nicht gesehen hat. Wer bisher Claude Monets Werke nur diffus nach Frankreich verortete, seine London- und Venedig-Bilder davon gerade noch trennen, die Paris-Motive von den ländlicheren Szenarien unterscheiden konnte, wird jetzt topographisch kundig gemacht …

Deutschlandfunk Kultur: „Magische Momente des Monsieur Monet“, ‪„Kurator Daniel Zamani ist eine großartige Schau gelungen … spektakulär … die Monet-Retrospektive ist eine Augenweide“; 

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Claude Monet – Sous les peupliers

 …und der Katalog zur Ausstellung:

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Heinrich / Westheider / Philipp

Monet

Orte

2020. Buch. 280 S. Hardcover

Prestel Verlag. ISBN 978-3-7913-5869-7

Format (B x L): 24 x 30 cm

Gewicht: 1933 g

Produktbeschreibung

Licht und Natur zum Leben erweckt

Für seine Landschaftsbilder suchte Claude Monet immer wieder die gleichen Orte auf oder fertigte an einer Stelle umfangreiche Serien an. So entstanden auf Reisen zahlreiche Gemälde an der Küste der Normandie, im niederländischen Zaandam oder in London und Venedig. Ihn interessierten nicht pittoreske Sehenswürdigkeiten, sondern Licht- und Wetterphänomene und ihre verschiedenen Auswirkungen auf diese Orte. Auch an seinen Wohnorten wie Paris, Argenteuil, Vétheuil und Giverny gewann er der alltäglichen Umgebung Motive wie Parks, Gärten und Seerosen ab, mit denen er seine Auseinandersetzung mit Licht und Farbe weiter vorantrieb.

Ein prächtiger Bildband für alle, die den Impressionismus und die französische Malerei lieben.

2020. Buch. 280 S. Hardcover

Prestel Verlag. ISBN 978-3-7913-5869-7

Format (B x L): 24 x 30 cm

John Le Carré: Die Eton-Leute haben sich den Laden zurückgeholt

John le Carré  enthüllt seine Verachtung für die britische politische Klasse

 

John Le Carré im Jahr 2016.
 „Die Eton-Leute haben sich den Laden zurückgeholt“ … John le Carré im Jahr 2016. 

John le Carrés scharfe Verachtung für die britischen Politiker wird in einem ätzenden Brief an einen amerikanischen Freund angezeigt, der zur Versteigerung kommt, bei dem er die Tories, die Liberaldemokraten und die Labour gleichermaßen verachtet .

Der handschriftliche Brief an einen Geburtshelfer aus Maine wurde vom Autor im August 2010 geschrieben, nachdem die konservative Partei bei den Parlamentswahlen keine Mehrheit gefunden hatte und eine Koalition mit den Liberaldemokraten gebildet hatte. Oder wie Le Carré es treffend ausdrückte:

Die Eton-Leute haben den Laden mit Hilfe einiger unerfahrener Liberaler der zweiten Liga zurückgenommen, die in kurzer Zeit in ihrer eigenen heißen Luft verdampfen  werden und den Laden einem Haufen von Ivy-League-Tories überlassen, die wiedergeborene  PR-Männer, Sexisten, Anti-Europäer, Nostalgiker und Öko-Spinner sind „

Der Brief an Willard J. Morse schont nicht die Labour Party von damals, die von Le Carré als eine „verschwenderische Regierung“ beschrieben wird,  „sie wurde von einem schlechten schottischen Schweinchen (Blair) und einem unglücklichen schottischen Schwein (Brown) geführt, der das Sparschwein der kleinen Leute leerte, während sie dabei waren „.

Le Carré, der sich selbst als „radikaler im Alter als je zuvor“ bezeichnet hat, hat in der Vergangenheit darüber gesprochen, wie begeistert er war, als Labour 1997 gewählt wurde, aber von Tony Blairs Partei schnell desillusioniert wurde. „Wir haben kein einziges Mitglied der Blair-Regierung, das einen öffentlichen Einspruch gegen den ökologischen Ruin erhoben hat, den George W. in den Vereinigten Staaten durchsetzenwird„, sagte er 2001 in einem Interview und fügte hinzu: „Ich dachte, Blair wäre ein Lügner, als er leugnete ein Sozialist zu sein . Das Schlimmste, was ich über ihn sagen kann, ist, dass er die Wahrheit gesagt hat. „

Er endet mit einer Verurteilung des verstorbenen Schriftstellers Christopher Hitchens, den Le Carré als „wirklich verhassten kleinen Zwerg“ oder „was unsere Lehrer früher LMF nannten – niedrige moralische Faser oder Scheiße“ beschreibt. Hitchens war ein lautstarker Befürworter des Irakkrieges, gegen den sich Le Carré bei Antikriegsmärschen und seinem Schreiben im Jahr 2003 gewandt hatte:

Amerika ist in eine seiner Perioden des historischen Wahnsinns eingetreten, aber das ist das Schlimmste, an das ich mich erinnern kann, schlimmer als McCarthyismus, schlimmer als die Schweinebucht und auf lange Sicht potenziell verheerender als der Vietnamkrieg „. 

Während seine neueren Thriller oft zeitgenössische Themen berührt haben – sein 2008 Roman A Most Wanted Man wurde von Kritikern als eine direkte Kritik an US-Präsident George W. Bushs Politik  gesehen – Le Carré hat immer davon Abstand genommen hat, Polemiken zu schreiben, und sagte, dass er erkennt, dass seine Leser aufhören werden, seine Romane zu lesen, wenn er zu politisch wird.

 „Geschichte und Charakter müssen an erster Stelle stehen. Aber ich bin jetzt so wütend, dass ich eine Menge Zurückhaltung üben muss, um ein lesbares Buch zu produzieren.“

Kleve art blog

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Francoise Sagan – Moral und Melancholie

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„Ce n’est pas par ce que la vie n’est pas elegante, qu’il faut se conduire comme elle“

„Nur weil das Leben nicht elegant ist, muss man sich dem nicht anpassen“.

 Francoise Sagan  hat im Laufe der Jahre  viele Bücher geschrieben, allein zwanzig Romane, etliche Theaterstücke und auch ein paar Sachbücher, aber keines war so erfolgreich und  so furios und beunruhigend  wie ihr erstes, das mit neunzehn Jahren veröffentlicht wurde: Bonjour Tristesse

 In  “ Bonjour Tristesse“ beschrieb sie eher cool oder mit vibrierender Stimme den Hedonismus und die gedankenlos leichte Moral der Jugend, die Eitelkeiten und die Libertinage der hochfliegenden französischen Intellektuellen, den Lebenshunger und die rasende Geschwindigkeit des freien Nachkriegseuropas an der Schwelle der sechziger Jahre.

Es überrascht nicht, dass es ihre naive Abenteuerlust und durchaus auch die flatterhafte Eleganz ihres Lebens war, die die Verfasser ihrer zahllosen Nachrufe im Jahre 2004 in erster Linie interessierten. Ihre Auftritte waren nicht selten spektakulär genug für gut verkäufliche Schlagzeilen. Doch auch das war sie, gefangen in ihrem  Schicksal: Schon Montaigne wusste es:

„Jeder einzelne von uns ist eine Zitadelle der Idiosynkrasie, deren Mauern sind die Gewohnheit und die Meinung“. 

Von diesem wunderbar schlanken, vielfach missverstandenen kleinen Roman und von seiner jungen Heldin Cécile konnte sich Françoise Sagan nie ganz befreien . „Bonjour Tristesse“ endet  – nachdem mehrere Varianten mit ihren Verlegern diskutiert worden waren – mit dem tödlichen Autounfall  der neuen Geliebten des Vaters. Nur drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans erlitt Francoise Sagan, deren Liebe zum schnellen Fahren ein wichtiger Teil ihres Lebens war und blieb, schwerste Verletzungen, multiple Frakturen, als ihr Aston Martin sich mit hoher Geschwindigkeit überschlug.

„Der Professor hat mein Leben gerettet indem er mich nicht operierte“, 

sagte sie später einmal.

Was ihr blieb waren die Schmerzen und das Morphium. Sie war im Hospital auf diese Weise von den Drogen abhängig geworden und verließ es endlich um sich zu retten. Aber nun war ihr Leben nicht mehr wie es vorher war: spontan und unbeschwert, obwohl sie nach wie vor nur das tat, was sie wollte. Und wenn sie etwas wollte, dann musste es sofort und hier und jetzt passieren. Nichts duldete Aufschub, das Leben wartete nicht

„Im Grunde ihres Herzens ist sie immer das unbeschwerte zwölfjährige Kind geblieben“ wie es ihre Freundin Juliette Greco einmal formulierte,“ sie tat stets nur das, was sie wollte – koste es was es wolle.“

Ihr unstillbarer Hunger nach dem Unerreichbaren, und die tiefe Sehnsucht von „Bonjour Tristesse“ überwältigten nicht nur eine junge Leserschaft in ganz Europa sondern wurden auch von der Kritik sehr wohlwollend beachtet.

Der Erfolg von „Bonjour Tistesse“ war überwältigend und Francoise Sagan eroberte ihr neues Publikum im Sturm und binnen weniger Tage.. „Paris Match“ nannte sie „eine 18-jährige Colette“. Sie hatte den überaus wichtigen Prix des Critiques gewonnen, und die begeisterte Anerkennung kam von den verschiedrnsten Seiten. Der amtierende Nobelpreisträger, Francois Mauriac, titelt in Le Figaro über sie.

„Ihr literarisches Talent explodiert von der ersten Seite an und ist unbestritten“, schrieb er.

Die Moral und ihre Negation blieben das bestimmende Thema und die Triebfeder aller handelnden Protagonisten ihrer folgenden Romane.: In diesem Sinne ist Sagan weitaus klassischer als manche ihrer existentialistischen Zeitgenossen. Wenige Jahre später eroberte ein Regisseur namens Federico Fellini das italienische Publikum mit „La dolce vita“, der Geschichte des suchenden jungen Journalisten Marcello Auch er stellt die Frage nach einer gültigen Moral  inmitten einer verkommenen und desillusionierten Bourgeoisie, die sich mit Exzessen jeder Art zu betäuben versucht. Die Kirche war entsetzt und empört und bekämpfte den Film unerbittlich, da er jegliche Moral konsequent leugnete in der Stadt des Papstes. Gleich in der ersten Szene des Films wird die überlebensgroße Christusfigur von einem Hubschrauber baumelnd aus der Stadt ausgeflogen. Gott ist tot, lautete die Botschaft.

Auch in Frankreich hatte Francoise Sagan mit erbittertem Widerstand der Kirche zu kämpfen. Francoise Sagan war durchaus bewusst, dass  sich die Missbilligung ihres Romans nur mit der bigotten Moral eines noch überwiegend katholischen Landes erklären ließ.

 „Es war unvorstellbar, dass ein junges Mädchen im Alter von  18 Jahren einen Jungen in ihrem Alter liebt, ohne verliebt zu sein, und dafür nicht bestraft wird“, 

schrieb sie 30 Jahre später. „Die Leute konnten die Vorstellung nicht ertragen, dass das Mädchen sich nicht in den Jungen verlieben sollte. Es war auch nicht hinnehmbar, dass ein junges Mädchen das Recht hatte, ihren Körper zu benutzen wie sie will, und Freude daran haben konnte, ohne umgehend dafür bestraft zu werden „

Natürlich beschäftigt sie sich als junge Autorin auch  mit der Frage der  Realität des Individuums, der Dialektik seiner Existenz und seiner Konfrontation mit den überkommenen Verhaltensnormen einer erstarrten Nachkriegsgesellschaft im 20. Jahrhundert, aber in „Bonjour Tristesse“ sind diese Normen ebenso psychisch wie gesellschaftlich virulent und erfahrbar.

 Cécile, diese unglaublich befreite Siebzehnjährige ohne Mutter, deren freizügiger, leichtsinniger Vater der einzige erlebbare Maßstab für ihre persönliche Moral war, bietet Sagan ein  damals radikales Modell für eine menschliche Sensibilität, die hier ebenso dramatisch wie selbstzerstörerisch Gestalt annimmt.  Auch die Art und Weise, wie elementare Fragen ihre physische und emotionale  Verfassung  zunehmend dominieren, stellen eine schonungslose Kritik der herrschenden Moral dar, was diesen Text einer achtzehnjährigen Autorin zu einer literarischen  Sensation machen sollte. Dies sind die Fragen einer Achtzehnjährigen , die den Kern von Sagans kurzem und beunruhigendem Erstlingswerk  bilden.

Selbst unter der Sommersonne des Mittelmeers, lässig entspannt weit entfernt von Paris, von Struktur, Pflichten oder strenger Kontrolle gelingt es den Protagonisten nicht, sich vom spontanen Impuls oder den alltäglichen Zufällen treiben zu lassen. Eine verhasste Kontrollinstanz beendet die Unbeschwertheit und lockere Moral des Dreigestirns, bestehend aus Cecile, ihrem Vater und dessen Geliebter Elsa. Mit Anne, einer Freundin ihrer toten Mutter betritt eine beherrschende und  erwachsene Kontrollinstanz die Szene und zerstört den unbeschwerten Hedonismus in der Ferienvilla am Meer.

 „Das war es, was ich an Anne hasste: Sie hat mich davon abgehalten, mich selbst zu mögen. Ich war von ihr zu einem schlechtem Gewissen gezwungen worden. „

Cecile verabscheut naturgemäß zutiefst diese von Anne verkörperte sogenannte bürgerliche Moral, die alles zerstört was ihr lieb und wichtig ist und ihr letztendlich sogar den geliebten Vater entfremdet. Diese verlogene Moral entfacht ihren Selbsthass, der sich nach außen wendet,  und nur noch rivalisierende, ungute Empfindungen in ihr weckt. Francoise Sagan schildert eindrucksvoll die vielschichtigen Konflikte und Emotionen, die von nun an unweigerlich das Handeln ihrer Protagonistin bestimmen werden.

„Ich suche nicht nach Genauigkeit bei der Schilderung meiner Charaktere. Ich versuche meinen Helden eine Art Wahrhaftigkeit zu verleihen.“ 

Ihr brillanter psychischer Realismus zeichnet ein verstörendes Profil einer Protagonistin, die aus dem Reich ihrer Liebe und Kindheit vertrieben wird und in einer jugendlichen Akzeptanz von Melancholie enden wird. Bonjour Tristesse.

In all ihren Romanen ist die Liebe ihr Thema und indem sie ihre Protagonistinnen und Protagonisten die Liebe als eine  verwirrende , herausforderne und somit auch existenzgefährdende  Erfahrung sowohl physisch als auch psychisch durchleben lässt, zeichnet sie mit erstaunlicher Präzision die conditio humana einer desillusionierten und zerrissenen Nachkriegsgeneration, die es nicht vermag aus ihrer Zitadelle der Gewohnheit zu entfliehen.

Sie hat damit auch deutlicher als  manche ihrer zeitgenössischen Autorinnen und Autoren  versucht, mit der charmanten Melancholie des französischen Existenzialismus die Einsamkeit und Glücksunfähigkeit des modernen Menschen sinnlich erfahrbar zu machen.

Manches zu Francoise Sagan

Kleve art blog

 

Von den Wundern der klassischen Musik

 

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Der Autor Martin Geck,

1936-2019, studierte Musikwissenschaft, Theologie und Philosophie in Münster, Berlin und Kiel. 1962 Dr. phil., 1966 Gründungsredakteur der Richard-Wagner-Gesamtausgabe, 1970 Lektor in einem Schulbuchverlag, nachfolgend Autor zahlreicher Musiklehrwerke, 1974 Privatdozent, 1976 ordentlicher Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund. Er verfasste zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der deutschen Musik im 17., 18. und 19. Jahrhundert.

Martin Geck ist auch der Autor der Rowohlt-Monographien über Bach, Beethoven, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Wagner und die Bach-Söhne.

Geck, ein  weithin anerkannter Spezialist für die deutsche klassische  Musik, schreibt nicht etwa aus dem herrschenden  Geist einer Gegenwartsmusik, sondern sucht die Einfühlung in  und die Arbeit mit einem geschichtlichen Gegenstand, das aber vollzieht er kenntnisreich auf der Bühne des heutigen Denkens und der heutigen Erfahrung.

Er schreibt durchaus unterhaltsam, stets verständlich und informativ, dabei aber sehr dicht, äußerst facettenreich und mit bekannten sowie unbekannten Querbezügen buchstäblich in alle Richtungen – womit er den Leser überrascht und immer wieder aufs Neue faszinieren kann . Solch fundiertes Wissen haben nur  sehr erfahrene Menschen. Geck versteht es mithin mühelos, seinen interessierten Lesern nichts zu schenken und doch grundsätzlich auch die schwierigen  musikalischen Probleme deutlich  und für den Leser nachvollziehbar zu formulieren. Kein Wunder, dass sich seine Bücher verkaufen.

Ein Muss für jeden Liebhaber klassischer Musik.

 

Martin Geck – Von den Wundern der klassischen Musik – Pantheon – ISBN  978-3-55366-4

Die geheime Sprache der Kunst

Die Symbole der abendländischen Malerei

Ein kenntnisreicher Führer von Sarah Carr-Gomm

die geheime sprache der kunstEin kenntnisreicher und informativer Führer zu den Geheimnissen der großen Symbole und den Deutungsmustern der abendländischen Malerei

Dieses für jeden Kunstliebhaber wertvolle  Buch bietet erstmals eine höchst kenntnisreiche, informative und leicht zu lesende Einführung in die bekannten und unbekannten mythologischen, religiösen, historischen und symbolischen Traditionen, welche die berühmtesten Künstler aller Zeiten kannten und nutzten und die auch heute noch in der Kunst zitiert werden.
Der interessierte Leser und Kunstliebhaber findet in diesem reich bebilderten Band sehr detaillierte, umfassende Erläuterungen zu vielen berühmten Gemälden und enthält weiterhin etliche kenntnisreiche Analysen von mehr als fünfhundert Symbolen und Allegorien aus Jahrhunderten künstlerischen Schaffens im Abendland.
Thematisch ist das großartige Buch in fünf ausführliche Kapitel gegliedert: die Mythen und Sagen der Antike; Die Bibel und das Leben Christi; Heilige und ihre Wunder; Geschichte, Literatur und Kunst; Symbole und Allegorien.

Ein überaus lehrreicher und unterhaltsamer Lesestoff, hervorragend präsentiert und eine Fundgrube für jeden Kunstliebhaber. Ein Muss für jeden, der die große Kunst der vergangenen Jahrhunderte besser verstehen und deuten will.

Sarah Carr-Gomm – Die geheime Sprache der Kunst – Bedeutung von Symbolen und Figuren in der abendländischen Malerei – Bassermann Verlag – ISBN 978-3-8094-3091-9 

 

Die DDR und die STASI – Meine Erlebnisse in Ostberlin und Leipzig 1973 bis 1987

Die DDR: 28 Jahre deutsche Einheit

Meine Erlebnisse mit der Stasi in OstBerlin und Leipzig 1973 bis 1987

Der Liedermacher Wolfgang Biermann  – die Älteren der unter uns mögen sich erinnern  – sass bereits nicht mehr in der Chaussestraße 131 und sang zur Gitarre in das Mikrofon seines  Grundig Tonbandgeräts, als ich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts  das zweifelhafte Vergnügen hatte, in der Hauptstadt der DDR, also in Ostberlin, an einen sogenannten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik zu geraten.

Sonniger Sonntagmorgen in Leipziz 1984.

Die DDR war für uns Studenten im Westen naturgemäß ein geradezu einzigartiges Faszionosum und Paradoxon zugleich. Faszinierend, weil seit über zehn Jahren  verborgen hinter einer Mauer  eine für die sogenannten Bundesbürger nahezu unsichtbare Existenz führend, paradox andererseits weil diese sogenannte Demokratie sich spätestens mit dem Bau der Mauer in Berlin als das zu erkennen gegeben hatte, was sie war: eine Diktatur. Und zwar nicht die vielbesungene Diktatur des Proletariats sondern eine unterdrückerische und menschenverachtende,  geschlossene Veranstaltung der Einheitspartei SED.

Geschlosen und eben auch verschlossen  deshalb, weil den unfreiwilligen Teilnehmern – den Bürger der Deutschen Demokratische Republik – nicht gestattet war, mal eben ein wenig draussen frische Luft zu schnappen. Den freien Blick versperrte eine Mauer, das freie Wort wurde verschluckt.
Freiheit kann eben auch die Freiheit von allem sein. Diese  sogenannte Freiheit als Abwesenheit von  jeglicher individueller Freiheit war  die tatsächliche Lebenswirklichkeit für Millionen Menschen in diesem „Arbeiter und Bauernstaat“, des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“.

Mit Herz und Kopf ansingend gegen die bestehenden Verhältnisse, verschaffte sich der Grosskommunist , Poet und Liedermacher Wolfgang Biermann zuerst in der DDR ein Auftrittsverbot (1965), dann  ein modernes Tonbandgerät nebst Senheiser-Mikrofon aus dem Westen, um frech und frei ab sofort in seinem Wohnzimmer gegen die Betonköpfe der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands anzubrüllen.
Diese schönen, trotzigen Lieder,  signiert mit der  Melancholie des Romantikers, wurden dann zur Freude aller westlicher Sympathisanten  von Columbia Records  in Vinyl geschnitten. Naturgemäss beim Klassenfeind in der BRD.

Es waren vor allem  auch diese freimütigen, unzensierten und bissigen Gedichte, Lieder und  diese flamboyante Kritik am real existierenden Sozialismus in der DDR, die in der Studentenschaft der BRD  mehr Anhänger  inspirierten und mobilisierten als im sozialistischen Osten. Linke Weststudenten und Intellektuelle zog es in Folge  magisch in das Deutschland hinter der Mauer , dort Kontakte suchend und knüpfend, die alltägliche Lebenswirklichkeit zu erkunden, ungefiltert  das sogenannte wahre Leben dieser geschlossenen Gesellschaft im Alltag, in der Praxis und nicht nur in der rotgefärbten Theorie der verschiedenen Parteigänger kennenzulernen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wohl war !  Und eingedenk  dieser  Dialektik vertrieben sich die Jungs von der Staatssicherheit tagtäglich die Zeit damit zu verhindern, dass die leider notorisch  unzuverlässigen Arbeiter und Bauern ein falsches Leben führten. Denn was richtig war und was das richtige Leben war,  das bestimmte hier  die Partei, die immer Recht hatte. Verkehrte Welt, die platte Dialektik  der Staatssicherheit. So hatte es Adorno eigentlich nicht gemeint und die grosse Sehnsucht nach dem falschen Leben sorgte nicht nur in der Chausseestrasse 131 für kreativ subversive Umtriebe.

Torgau an der Elbe. Der Gedenkstein unten rechts im Bild erinnert an das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte  am 25. April 1945 in Strehla bei Torgau.

 

Gesungen wurde in Biermanns guter Stube bis zum Herbst 1976  auch immer von der Stasi . Die „Stasiballade“ war mit Wortwitz und Ironie eine bitterböse Abrechnung mit dem Unterdrückungs- und Überwachungssystem der DDR mit seinen  zahllosen und allgegenwärtigen Spitzeln und Zuträgern. Gewiss, aufgefallen war  den Intellektuellen in der BRD durchaus,  dass die Wirklichkeit in der DDR dem hohen Anspruch der sogenannten Genossen im Politbüro nirgendwo genügen konnte. Woraus sich unter anderem ergeben musste , dass  „solange der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang hinter dem Masstab eines gerechten Lebens zurückfällt, es für die Menschen gar nicht möglich ist, moralisch richtig zu handeln!“
 Da schau her.
 Jede Trennung des moralischen Prinzips vom gesellschaftlichen hat auch den Verzicht auf menschenwürdige Verhältnisse zur Folge. Hören wollte man solche Theorien in Ostberlin ungern.
Die wohlwollende Sympathie, mit welcher der  in der DDR angeblich  real existierende Sozialismus von den westdeutschen Intellektuellen betrachtet wurde,  trieb oftmals seltsame Blüten. Viele aber hofften mit Biermann unverzagt auf die zukünftige  Besserung der Verhältnisse:
„Wir machen hier Sozialismus,
trotz Rotz und Stalinismus
und öffnen uns noch die Welt !“
( enfant perdu )
Die Milchbar „Espresso“ in Ostberlin
Es war gegen Ende des Jahres 1974, als ich erstmals in Kontakt mit der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik geriet. Ich trank einen Kaffee in der neuen Milchbar „Espresso“ am Alexanderplatz, nachdem ich meine erste Runde im Panoramacafe des neuen Fernsehturms gedreht hatte und den klaren Blick hinüber ins westliche Berlin genossen hatte. Diese erste Ansprache war leider ebenso plump wie vorhersehbar, denn der Stasi-Mitarbeiter war ja als solcher  sowohl in Berlin Ost als auch in Leipzig überall und jederzeit sofort erkennbar an seinem „unauffälligen“ Herumlungern bevorzugt in den von  Touristen frequentierten Lokalitäten sowie an den öffentlichen Treffpunkten Alex, Unter den Linden et al. Der junge Mann, er nannte sich Sascha, sprach mich  freundlich an meinem Tisch an. Er hatte mich selbstverständlich  als „Westler“ erkannt , was er mir nun auch sofort kundtun musste. Dass ich ihn ebenfalls auf den ersten Blick als Stasi-IM enttarnt hatte, verschwieg ich naturgemäss. Ich gab den naiven Westdeutschen, auf Sightseeing im neuen Zentrum der DDR-Metropole und lobte über die Maßen den Kaffe im sich ewig drehenden  Fernehturm-Cafe. Er war scheinbar begeistert ob meines Lobes.
Weimar zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik 1984.

Meissener Porzellan 

Sich anschloss ein Spaziergang in der Septembersonne Unter den Linden, denn ich suchte hier nun gezielt ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Warum nicht aus der Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates ? Die grossen Schaufenster der offiziellen Verkaufstelle der Meissener Porzellanmanufaktur zogen mich magisch an, etwas zum Unwillen meines unfreiwilligen Fremdenführers: „Meissner darfst Du nicht exportieren, das werden sie Dir sicher an der Grenze wegnehmen“.

Ich ging trotzdem hinein, er folgte schweren Fusses. „Ich kaufe immer soviele Bücher, da werde ich eine kleine Vase sicher ganz gut verstecken können“ erwiderte ich unbesorgt und erstand eine etwa fünfzehn Zentimeter hohe Vase, welche ich besonders sorgfältig und liebevoll verpacken ließ. Sie kostete stolze hundertachtzig Ostmark ! Da ich unerlaubterweise meine Ostmark in Westdeutschland zum Kurs von eins zu sechs eingekauft hatte, zahlte ich also lediglich dreissig Westmark für das gute Stück.

Dieser heimliche Devisentransport war damals für einen armen Studenten unerlässlich, wollte er möglichst billig möglichst viele Bücher im Osten einkaufen. Gab ja Klassiker, Kunst und Literatur in Hülle und Fülle ( sogar Arno Schmidt !!!), auch interessante Lizenzausgaben. Und zur Tarnung immer ein paar blaue Bände Marx und Engels obendrauf . Drei Bände Kapital stabilisieren das Regal – und erfreuten den Grenzer.

Der arme Student kam glaubhaft rüber, ich fuhr schliesslich R4 ! Glaubhaft rüber kam bei mir auch das Angebot meines treuen Stasi-Begleiters, mir doch lieber die kostbare Vase per Post nachzusenden: „Da kannst Du sicher sein, dass sie auch ankommt ! Die machen doch eh nur Stichproben bei der Post.“ Dass die Vase sicher ankommen würde glaubte ich ihm naturgemäss sofort .

Zehn Tage später war sie da. Die Stasi war in jeder Hinsicht zuverlässig . Meine Mutter war begeistert !

Es folgten mehr oder weniger regelmässige Postkarten bis im darauffolgenden Sommer eine Einladung nach Ostberlin folgte. Er würde sehr gern auch einmal meine Frau kennenlernen und uns zu seinem Geburtstag einladen, es seien ja nur 300 Kilometer von Hannover und so weiter… . Kam ein bisschen plötzlich, diese recht private Einladung, aber wir nahmen an.

„Sehr gern“ sogar, wie meine Frau hinzusetzte. Sie war in der Tat sehr neugierig auf Ostberlin und die DDR !

Grau und kalt war der März im tristen Zentrum Dresdens 1986. Fotos: Jürgen Mügge.Luttermann

folgt:

Ein denkwürdiges Abendessen in den „Zille Stuben“

Die Stasi und die Galerie EigenArt in Leipzig 1987