Francoise Sagan – Moral und Melancholie

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„Ce n’est pas par ce que la vie n’est pas elegante, qu’il faut se conduire comme elle“

„Nur weil das Leben nicht elegant ist, muss man sich dem nicht anpassen“.

 Francoise Sagan  hat im Laufe der Jahre  viele Bücher geschrieben, allein zwanzig Romane, etliche Theaterstücke und auch ein paar Sachbücher, aber keines war so erfolgreich und  so furios und beunruhigend  wie ihr erstes, das mit neunzehn Jahren veröffentlicht wurde: Bonjour Tristesse

 In  “ Bonjour Tristesse“ beschrieb sie eher cool oder mit vibrierender Stimme den Hedonismus und die gedankenlos leichte Moral der Jugend, die Eitelkeiten und die Libertinage der hochfliegenden französischen Intellektuellen, den Lebenshunger und die rasende Geschwindigkeit des freien Nachkriegseuropas an der Schwelle der sechziger Jahre.

Es überrascht nicht, dass es ihre naive Abenteuerlust und durchaus auch die flatterhafte Eleganz ihres Lebens war, die die Verfasser ihrer zahllosen Nachrufe im Jahre 2004 in erster Linie interessierten. Ihre Auftritte waren nicht selten spektakulär genug für gut verkäufliche Schlagzeilen. Doch auch das war sie, gefangen in ihrem  Schicksal: Schon Montaigne wusste es:

„Jeder einzelne von uns ist eine Zitadelle der Idiosynkrasie, deren Mauern sind die Gewohnheit und die Meinung“. 

Von diesem wunderbar schlanken, vielfach missverstandenen kleinen Roman und von seiner jungen Heldin Cécile konnte sich Françoise Sagan nie ganz befreien . „Bonjour Tristesse“ endet  – nachdem mehrere Varianten mit ihren Verlegern diskutiert worden waren – mit dem tödlichen Autounfall  der neuen Geliebten des Vaters. Nur drei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans erlitt Francoise Sagan, deren Liebe zum schnellen Fahren ein wichtiger Teil ihres Lebens war und blieb, schwerste Verletzungen, multiple Frakturen, als ihr Aston Martin sich mit hoher Geschwindigkeit überschlug.

„Der Professor hat mein Leben gerettet indem er mich nicht operierte“, 

sagte sie später einmal.

Was ihr blieb waren die Schmerzen und das Morphium. Sie war im Hospital auf diese Weise von den Drogen abhängig geworden und verließ es endlich um sich zu retten. Aber nun war ihr Leben nicht mehr wie es vorher war: spontan und unbeschwert, obwohl sie nach wie vor nur das tat, was sie wollte. Und wenn sie etwas wollte, dann musste es sofort und hier und jetzt passieren. Nichts duldete Aufschub, das Leben wartete nicht

„Im Grunde ihres Herzens ist sie immer das unbeschwerte zwölfjährige Kind geblieben“ wie es ihre Freundin Juliette Greco einmal formulierte,“ sie tat stets nur das, was sie wollte – koste es was es wolle.“

Ihr unstillbarer Hunger nach dem Unerreichbaren, und die tiefe Sehnsucht von „Bonjour Tristesse“ überwältigten nicht nur eine junge Leserschaft in ganz Europa sondern wurden auch von der Kritik sehr wohlwollend beachtet.

Der Erfolg von „Bonjour Tistesse“ war überwältigend und Francoise Sagan eroberte ihr neues Publikum im Sturm und binnen weniger Tage.. „Paris Match“ nannte sie „eine 18-jährige Colette“. Sie hatte den überaus wichtigen Prix des Critiques gewonnen, und die begeisterte Anerkennung kam von den verschiedrnsten Seiten. Der amtierende Nobelpreisträger, Francois Mauriac, titelt in Le Figaro über sie.

„Ihr literarisches Talent explodiert von der ersten Seite an und ist unbestritten“, schrieb er.

Die Moral und ihre Negation blieben das bestimmende Thema und die Triebfeder aller handelnden Protagonisten ihrer folgenden Romane.: In diesem Sinne ist Sagan weitaus klassischer als manche ihrer existentialistischen Zeitgenossen. Wenige Jahre später eroberte ein Regisseur namens Federico Fellini das italienische Publikum mit „La dolce vita“, der Geschichte des suchenden jungen Journalisten Marcello Auch er stellt die Frage nach einer gültigen Moral  inmitten einer verkommenen und desillusionierten Bourgeoisie, die sich mit Exzessen jeder Art zu betäuben versucht. Die Kirche war entsetzt und empört und bekämpfte den Film unerbittlich, da er jegliche Moral konsequent leugnete in der Stadt des Papstes. Gleich in der ersten Szene des Films wird die überlebensgroße Christusfigur von einem Hubschrauber baumelnd aus der Stadt ausgeflogen. Gott ist tot, lautete die Botschaft.

Auch in Frankreich hatte Francoise Sagan mit erbittertem Widerstand der Kirche zu kämpfen. Francoise Sagan war durchaus bewusst, dass  sich die Missbilligung ihres Romans nur mit der bigotten Moral eines noch überwiegend katholischen Landes erklären ließ.

 „Es war unvorstellbar, dass ein junges Mädchen im Alter von  18 Jahren einen Jungen in ihrem Alter liebt, ohne verliebt zu sein, und dafür nicht bestraft wird“, 

schrieb sie 30 Jahre später. „Die Leute konnten die Vorstellung nicht ertragen, dass das Mädchen sich nicht in den Jungen verlieben sollte. Es war auch nicht hinnehmbar, dass ein junges Mädchen das Recht hatte, ihren Körper zu benutzen wie sie will, und Freude daran haben konnte, ohne umgehend dafür bestraft zu werden „

Natürlich beschäftigt sie sich als junge Autorin auch  mit der Frage der  Realität des Individuums, der Dialektik seiner Existenz und seiner Konfrontation mit den überkommenen Verhaltensnormen einer erstarrten Nachkriegsgesellschaft im 20. Jahrhundert, aber in „Bonjour Tristesse“ sind diese Normen ebenso psychisch wie gesellschaftlich virulent und erfahrbar.

 Cécile, diese unglaublich befreite Siebzehnjährige ohne Mutter, deren freizügiger, leichtsinniger Vater der einzige erlebbare Maßstab für ihre persönliche Moral war, bietet Sagan ein  damals radikales Modell für eine menschliche Sensibilität, die hier ebenso dramatisch wie selbstzerstörerisch Gestalt annimmt.  Auch die Art und Weise, wie elementare Fragen ihre physische und emotionale  Verfassung  zunehmend dominieren, stellen eine schonungslose Kritik der herrschenden Moral dar, was diesen Text einer achtzehnjährigen Autorin zu einer literarischen  Sensation machen sollte. Dies sind die Fragen einer Achtzehnjährigen , die den Kern von Sagans kurzem und beunruhigendem Erstlingswerk  bilden.

Selbst unter der Sommersonne des Mittelmeers, lässig entspannt weit entfernt von Paris, von Struktur, Pflichten oder strenger Kontrolle gelingt es den Protagonisten nicht, sich vom spontanen Impuls oder den alltäglichen Zufällen treiben zu lassen. Eine verhasste Kontrollinstanz beendet die Unbeschwertheit und lockere Moral des Dreigestirns, bestehend aus Cecile, ihrem Vater und dessen Geliebter Elsa. Mit Anne, einer Freundin ihrer toten Mutter betritt eine beherrschende und  erwachsene Kontrollinstanz die Szene und zerstört den unbeschwerten Hedonismus in der Ferienvilla am Meer.

 „Das war es, was ich an Anne hasste: Sie hat mich davon abgehalten, mich selbst zu mögen. Ich war von ihr zu einem schlechtem Gewissen gezwungen worden. „

Cecile verabscheut naturgemäß zutiefst diese von Anne verkörperte sogenannte bürgerliche Moral, die alles zerstört was ihr lieb und wichtig ist und ihr letztendlich sogar den geliebten Vater entfremdet. Diese verlogene Moral entfacht ihren Selbsthass, der sich nach außen wendet,  und nur noch rivalisierende, ungute Empfindungen in ihr weckt. Francoise Sagan schildert eindrucksvoll die vielschichtigen Konflikte und Emotionen, die von nun an unweigerlich das Handeln ihrer Protagonistin bestimmen werden.

„Ich suche nicht nach Genauigkeit bei der Schilderung meiner Charaktere. Ich versuche meinen Helden eine Art Wahrhaftigkeit zu verleihen.“ 

Ihr brillanter psychischer Realismus zeichnet ein verstörendes Profil einer Protagonistin, die aus dem Reich ihrer Liebe und Kindheit vertrieben wird und in einer jugendlichen Akzeptanz von Melancholie enden wird. Bonjour Tristesse.

In all ihren Romanen ist die Liebe ihr Thema und indem sie ihre Protagonistinnen und Protagonisten die Liebe als eine  verwirrende , herausforderne und somit auch existenzgefährdende  Erfahrung sowohl physisch als auch psychisch durchleben lässt, zeichnet sie mit erstaunlicher Präzision die conditio humana einer desillusionierten und zerrissenen Nachkriegsgeneration, die es nicht vermag aus ihrer Zitadelle der Gewohnheit zu entfliehen.

Sie hat damit auch deutlicher als  manche ihrer zeitgenössischen Autorinnen und Autoren  versucht, mit der charmanten Melancholie des französischen Existenzialismus die Einsamkeit und Glücksunfähigkeit des modernen Menschen sinnlich erfahrbar zu machen.

www.francoisesagan.webnode.com

www.annavonkleve.webnode.com

Von den Wundern der klassischen Musik

 

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Der Autor Martin Geck,

1936-2019, studierte Musikwissenschaft, Theologie und Philosophie in Münster, Berlin und Kiel. 1962 Dr. phil., 1966 Gründungsredakteur der Richard-Wagner-Gesamtausgabe, 1970 Lektor in einem Schulbuchverlag, nachfolgend Autor zahlreicher Musiklehrwerke, 1974 Privatdozent, 1976 ordentlicher Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund. Er verfasste zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der deutschen Musik im 17., 18. und 19. Jahrhundert.

Martin Geck ist auch der Autor der Rowohlt-Monographien über Bach, Beethoven, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Wagner und die Bach-Söhne.

Geck, ein  weithin anerkannter Spezialist für die deutsche klassische  Musik, schreibt nicht etwa aus dem herrschenfden  Geist einer Gegenwartsmusik, sondern sucht die Einfühlung in  und die Arbeit mit einem geschichtlichen Gegenstand, das aber vollzieht er kenntnisreich auf der Bühne des heutigen Denkens und der heutigen Erfahrung.

Er schreibt durchaus unterhaltsam, stets verständlich und informativ, dabei aber sehr dicht, äußerst facettenreich und mit bekannten sowie unbekannten Querbezügen buchstäblich in alle Richtungen – womnit er den Lesder pberrascht und immer wieder aufs Neue faszinieren kann . Solch fundiertes Wissen haben nur  sehr erfahrtene Menschen. Geck versteht es mithin mühelos, seinen interessierten Lesern nichts zu schenken und doch grunddsätzlich auch die schwierigen  musikalischen Probleme deutlich  und für den Leser nachvollziehbar zu formulieren. Kein Wunder, dass sich seine Bücher verkaufen.

Ein Muss für jeden Liebhaber klassischer Musik.

 

Martin Geck – Von den Wundern der klassischen Musik – Pantheon – ISBN  978-3-55366-4

Die geheime Sprache der Kunst

Die Symbole der abendländischen Malerei

Ein kenntnisreicher Führer von Sarah Carr-Gomm

die geheime sprache der kunstEin kenntnisreicher und informativer Führer zu den Geheimnissen der großen Symbole und den Deutungsmustern der abendländischen Malerei

Dieses für jeden Kunstliebhaber wertvolle  Buch bietet erstmals eine höchst kenntnisreiche, informative und leicht zu lesende Einführung in die bekannten und unbekannten mythologischen, religiösen, historischen und symbolischen Traditionen, welche die berühmtesten Künstler aller Zeiten kannten und nutzten und die auch heute noch in der Kunst zitiert werden.
Der interessierte Leser und Kunstliebhaber findet in diesem reich bebilderten Band sehr detaillierte, umfassende Erläuterungen zu vielen berühmten Gemälden und enthält weiterhin etliche kenntnisreiche Analysen von mehr als fünfhundert Symbolen und Allegorien aus Jahrhunderten künstlerischen Schaffens im Abendland.
Thematisch ist das großartige Buch in fünf ausführliche Kapitel gegliedert: die Mythen und Sagen der Antike; Die Bibel und das Leben Christi; Heilige und ihre Wunder; Geschichte, Literatur und Kunst; Symbole und Allegorien.

Ein überaus lehrreicher und unterhaltsamer Lesestoff, hervorragend präsentiert und eine Fundgrube für jeden Kunstliebhaber. Ein Muss für jeden, der die große Kunst der vergangenen Jahrhunderte besser verstehen und deuten will.

Sarah Carr-Gomm – Die geheime Sprache der Kunst – Bedeutung von Symbolen und Figuren in der abendländischen Malerei – Bassermann Verlag – ISBN 978-3-8094-3091-9 

 

Die DDR und die STASI – Meine Erlebnisse in Ostberlin und Leipzig 1973 bis 1987

Die DDR: 28 Jahre deutsche Einheit

Meine Erlebnisse mit der Stasi in OstBerlin und Leipzig 1973 bis 1987

Der Liedermacher Wolfgang Biermann  – die Älteren der unter uns mögen sich erinnern  – sass bereits nicht mehr in der Chaussestraße 131 und sang zur Gitarre in das Mikrofon seines  Grundig Tonbandgeräts, als ich in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts  das zweifelhafte Vergnügen hatte, in der Hauptstadt der DDR, also in Ostberlin, an einen sogenannten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik zu geraten.

Sonniger Sonntagmorgen in Leipziz 1984.

Die DDR war für uns Studenten im Westen naturgemäß ein geradezu einzigartiges Faszionosum und Paradoxon zugleich. Faszinierend, weil seit über zehn Jahren  verborgen hinter einer Mauer  eine für die sogenannten Bundesbürger nahezu unsichtbare Existenz führend, paradox andererseits weil diese sogenannte Demokratie sich spätestens mit dem Bau der Mauer in Berlin als das zu erkennen gegeben hatte, was sie war: eine Diktatur. Und zwar nicht die vielbesungene Diktatur des Proletariats sondern eine unterdrückerische und menschenverachtende,  geschlossene Veranstaltung der Einheitspartei SED.

Geschlosen und eben auch verschlossen  deshalb, weil den unfreiwilligen Teilnehmern – den Bürger der Deutschen Demokratische Republik – nicht gestattet war, mal eben ein wenig draussen frische Luft zu schnappen. Den freien Blick versperrte eine Mauer, das freie Wort wurde verschluckt.
Freiheit kann eben auch die Freiheit von allem sein. Diese  sogenannte Freiheit als Abwesenheit von  jeglicher individueller Freiheit war  die tatsächliche Lebenswirklichkeit für Millionen Menschen in diesem „Arbeiter und Bauernstaat“, des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“.

Mit Herz und Kopf ansingend gegen die bestehenden Verhältnisse, verschaffte sich der Grosskommunist , Poet und Liedermacher Wolfgang Biermann zuerst in der DDR ein Auftrittsverbot (1965), dann  ein modernes Tonbandgerät nebst Senheiser-Mikrofon aus dem Westen, um frech und frei ab sofort in seinem Wohnzimmer gegen die Betonköpfe der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands anzubrüllen.
Diese schönen, trotzigen Lieder,  signiert mit der  Melancholie des Romantikers, wurden dann zur Freude aller westlicher Sympathisanten  von Columbia Records  in Vinyl geschnitten. Naturgemäss beim Klassenfeind in der BRD.

Es waren vor allem  auch diese freimütigen, unzensierten und bissigen Gedichte, Lieder und  diese flamboyante Kritik am real existierenden Sozialismus in der DDR, die in der Studentenschaft der BRD  mehr Anhänger  inspirierten und mobilisierten als im sozialistischen Osten. Linke Weststudenten und Intellektuelle zog es in Folge  magisch in das Deutschland hinter der Mauer , dort Kontakte suchend und knüpfend, die alltägliche Lebenswirklichkeit zu erkunden, ungefiltert  das sogenannte wahre Leben dieser geschlossenen Gesellschaft im Alltag, in der Praxis und nicht nur in der rotgefärbten Theorie der verschiedenen Parteigänger kennenzulernen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Wohl war !  Und eingedenk  dieser  Dialektik vertrieben sich die Jungs von der Staatssicherheit tagtäglich die Zeit damit zu verhindern, dass die leider notorisch  unzuverlässigen Arbeiter und Bauern ein falsches Leben führten. Denn was richtig war und was das richtige Leben war,  das bestimmte hier  die Partei, die immer Recht hatte. Verkehrte Welt, die platte Dialektik  der Staatssicherheit. So hatte es Adorno eigentlich nicht gemeint und die grosse Sehnsucht nach dem falschen Leben sorgte nicht nur in der Chausseestrasse 131 für kreativ subversive Umtriebe.

Torgau an der Elbe. Der Gedenkstein unten rechts im Bild erinnert an das Zusammentreffen der amerikanischen und sowjetischen Streitkräfte  am 25. April 1945 in Strehla bei Torgau.

 

Gesungen wurde in Biermanns guter Stube bis zum Herbst 1976  auch immer von der Stasi . Die „Stasiballade“ war mit Wortwitz und Ironie eine bitterböse Abrechnung mit dem Unterdrückungs- und Überwachungssystem der DDR mit seinen  zahllosen und allgegenwärtigen Spitzeln und Zuträgern. Gewiss, aufgefallen war  den Intellektuellen in der BRD durchaus,  dass die Wirklichkeit in der DDR dem hohen Anspruch der sogenannten Genossen im Politbüro nirgendwo genügen konnte. Woraus sich unter anderem ergeben musste , dass  „solange der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang hinter dem Masstab eines gerechten Lebens zurückfällt, es für die Menschen gar nicht möglich ist, moralisch richtig zu handeln!“
 Da schau her.
 Jede Trennung des moralischen Prinzips vom gesellschaftlichen hat auch den Verzicht auf menschenwürdige Verhältnisse zur Folge. Hören wollte man solche Theorien in Ostberlin ungern.
Die wohlwollende Sympathie, mit welcher der  in der DDR angeblich  real existierende Sozialismus von den westdeutschen Intellektuellen betrachtet wurde,  trieb oftmals seltsame Blüten. Viele aber hofften mit Biermann unverzagt auf die zukünftige  Besserung der Verhältnisse:
„Wir machen hier Sozialismus,
trotz Rotz und Stalinismus
und öffnen uns noch die Welt !“
( enfant perdu )
Die Milchbar „Espresso“ in Ostberlin
Es war gegen Ende des Jahres 1974, als ich erstmals in Kontakt mit der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik geriet. Ich trank einen Kaffee in der neuen Milchbar „Espresso“ am Alexanderplatz, nachdem ich meine erste Runde im Panoramacafe des neuen Fernsehturms gedreht hatte und den klaren Blick hinüber ins westliche Berlin genossen hatte. Diese erste Ansprache war leider ebenso plump wie vorhersehbar, denn der Stasi-Mitarbeiter war ja als solcher  sowohl in Berlin Ost als auch in Leipzig überall und jederzeit sofort erkennbar an seinem „unauffälligen“ Herumlungern bevorzugt in den von  Touristen frequentierten Lokalitäten sowie an den öffentlichen Treffpunkten Alex, Unter den Linden et al. Der junge Mann, er nannte sich Sascha, sprach mich  freundlich an meinem Tisch an. Er hatte mich selbstverständlich  als „Westler“ erkannt , was er mir nun auch sofort kundtun musste. Dass ich ihn ebenfalls auf den ersten Blick als Stasi-IM enttarnt hatte, verschwieg ich naturgemäss. Ich gab den naiven Westdeutschen, auf Sightseeing im neuen Zentrum der DDR-Metropole und lobte über die Maßen den Kaffe im sich ewig drehenden  Fernehturm-Cafe. Er war scheinbar begeistert ob meines Lobes.
Weimar zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik 1984.

Meissener Porzellan 

Sich anschloss ein Spaziergang in der Septembersonne Unter den Linden, denn ich suchte hier nun gezielt ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter. Warum nicht aus der Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates ? Die grossen Schaufenster der offiziellen Verkaufstelle der Meissener Porzellanmanufaktur zogen mich magisch an, etwas zum Unwillen meines unfreiwilligen Fremdenführers: „Meissner darfst Du nicht exportieren, das werden sie Dir sicher an der Grenze wegnehmen“.

Ich ging trotzdem hinein, er folgte schweren Fusses. „Ich kaufe immer soviele Bücher, da werde ich eine kleine Vase sicher ganz gut verstecken können“ erwiderte ich unbesorgt und erstand eine etwa fünfzehn Zentimeter hohe Vase, welche ich besonders sorgfältig und liebevoll verpacken ließ. Sie kostete stolze hundertachtzig Ostmark ! Da ich unerlaubterweise meine Ostmark in Westdeutschland zum Kurs von eins zu sechs eingekauft hatte, zahlte ich also lediglich dreissig Westmark für das gute Stück.

Dieser heimliche Devisentransport war damals für einen armen Studenten unerlässlich, wollte er möglichst billig möglichst viele Bücher im Osten einkaufen. Gab ja Klassiker, Kunst und Literatur in Hülle und Fülle ( sogar Arno Schmidt !!!), auch interessante Lizenzausgaben. Und zur Tarnung immer ein paar blaue Bände Marx und Engels obendrauf . Drei Bände Kapital stabilisieren das Regal – und erfreuten den Grenzer.

Der arme Student kam glaubhaft rüber, ich fuhr schliesslich R4 ! Glaubhaft rüber kam bei mir auch das Angebot meines treuen Stasi-Begleiters, mir doch lieber die kostbare Vase per Post nachzusenden: „Da kannst Du sicher sein, dass sie auch ankommt ! Die machen doch eh nur Stichproben bei der Post.“ Dass die Vase sicher ankommen würde glaubte ich ihm naturgemäss sofort .

Zehn Tage später war sie da. Die Stasi war in jeder Hinsicht zuverlässig . Meine Mutter war begeistert !

Es folgten mehr oder weniger regelmässige Postkarten bis im darauffolgenden Sommer eine Einladung nach Ostberlin folgte. Er würde sehr gern auch einmal meine Frau kennenlernen und uns zu seinem Geburtstag einladen, es seien ja nur 300 Kilometer von Hannover und so weiter… . Kam ein bisschen plötzlich, diese recht private Einladung, aber wir nahmen an.

„Sehr gern“ sogar, wie meine Frau hinzusetzte. Sie war in der Tat sehr neugierig auf Ostberlin und die DDR !

Grau und kalt war der März im tristen Zentrum Dresdens 1986. Fotos: Jürgen Mügge.Luttermann

folgt:

Ein denkwürdiges Abendessen in den „Zille Stuben“

Die Stasi und die Galerie EigenArt in Leipzig 1987

Townes van Zandt: words & letters

The Poet’s Poet

 

War Townes Van Zandt besser als Dylan?

Sein eigenes Leben schien oft die traurigste Ballade zu sein, aber dieser melancholische Poet und Songwriter aus Texas war die wahre Stimme der amerikanischen Country-Musik.
Ich erinnere es, als wäre es gestern gewesen. Eines sehr späten Abends im Jahr 1995 verließ ich mit meiner Freundin den Jazzclub in Bonn, als mir ein schäbiges Plakat über dem Ausgang ins Auge fiel – oder besser gesagt, es war der Name der dort fett gedruckt zu lesen war: Townes van Zandt.
„Was, der tritt hier auf? Hier in Bonn?“ fragte ich total verblüfft meine Begleiterin, die ahnungslos mit den Achseln zuckte. Aber ja, da stand es schwarz auf gelb mit Datum, es musste wohl stimmen.  Bis dato kannte ich nur die Texte von ihm, Emmylou Harris hatte seine Lieder gesungen und auch der große Bob Dylan hatte schon Texte von ihm vorgetragen (wenn ich nicht irre).
Wenige Wochen später stand er in Bonn auf der Bühne, schmal und zerbrechlich mit seinem schüchternen Lächeln und seinen abgewetzten Jeans. Keine Posen, no useless speeches. Er sagte knapp den Titel des Songs an, hob die Gitarre und begann eine Performance, die mich auf der Stelle umhaute, wie gesagt wird. Und das Beste war: Genau das hatte ich erwartet. Es wurde ein unvergesslicher Abend mit einem unvergesslichen Sänger. Ach ja, unmittelbar vor dem Konzert war der Veranstalter auf der Bühne erschienen und bat uns, Townes van Zandt nach dem Konzert bitte nicht auf einen Drink einzuladen. (Die lange Bartheke war direkt nebenan). Wir hielten uns an die Empfehlung.
Ich habe ihn dann noch einmal in Bonn erleben können in diesem Sommer 95, Townes van Zandt hatte damals eine Freundin in Bonn, wie ich erfuhr.

Das kurze Leben des großen Songwriters Townes van Zandt ist eine Erzählung voller widersprüchlicher Hoffnungen und hasserfüllter Dämonen, aus denen der talentierte, großartige und so sehr geliebte Künstler durch Talent und Ausdauer überwältigende Schönheit hervorgebracht hat.

Von seinen Wurzeln im texanischen Geldadel bis hin zu lähmenden Schocktherapien und dem langsamen whiskeygetränkten Niedergang scheint Van Zandts Leben eine ebenso kühne wie  melancholische Ballade in der traurigsten Tradition zu sein. Für einen Musiker, der im weitreichenden, dunklen Schatten von Hank Williams lebte , könnte man versucht sein Van Zandts tragisches Leben fatalistisch hinzunehmen. Braucht nicht jeder gute Country-Sänger Geschichten von whiskeyschwangerer Einsamkeit und dem unvermeidlichen Liebeskummer? Warum ein bewährtes Rezept verändern?

Aber jeder, der Townes van Zandts durchaus ungleiche, aber unvergleichliche Aufnahmen zum ersten Mal hört, weiss sofort, dass hier ein anderer Ton angeschlagen ist, unvergleichlich, zärtlich, rauh, nichts was einem Trost spenden würde.

„Townes Van Zandt ist der beste Songwriter der Welt und ich stehe auf Bob Dylans Couchtisch in meinen Cowboystiefeln und sage das“, konstatierte  ein für allemal  sogar der unbescheidene Steve Earle.

Sicherlich kann manches von Van Zandts Aufzeichnungen den Hörer an manches von Dylan erinnern, aber der Ton ist ein völlig anderer in jedem seiner Songs und Texte. Die Texte transportieren oft aufgeladene Bilder und Traumvisionen in einer Stimmung, die ohne jede Anstrengung  – leichter als Dylan es konnte –  den Mann selbst herauszubringen. Die ganz frühen Aufzeichnungen wurden schon durch diesen einzigartigen Ton und Stil diktiert, und Van Zandt hätte  bereits damals leicht als ein ernstzunehmender Anwärter auf Dylans Thron zu einer Zeit betrachtet werden können, als es sicher keinen Mangel an diesem Ehrgeiz gab. Das war zumindest der erste Eindruck, den ich von seinen frühen Studioalben hatte.

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Dieser Eindruck erwies sich jedoch als nicht ganz stimmig. Je mehr diese Platten überarbeitet werden, desto mehr scheinen die Streicher, die Flöten, die witzigen und sentimentalen Texte neben etwas Unbegreiflichem zu stehen. Es entsteht ein Eindruck  von unvollständigen und manchmal auch irritierenden Bildern. Es gibt auch sehr simple Songs und Texte hier, aber sie sind bis heute einfach unerreichbar.

Allerdings Cathleen und Tecumseh Valley  kommen sofort als echte Explosion rüber. Cathleen malt eine bleierne, schier unheilbare Melancholie, ohne in tränenreichem Mitleid zu versinken. Die poetische Bildsprache wird durch das einfache Sprechen fundamental:

„Vielleicht werde ich verrückt werden. Ich muss diesen Schmerz töten.“

Auch die Evokation der üblichen unglücklichen Charaktere (Spieler, Prostituierte) ist immer ohne begleitenden Narzissmus. Tecumseh Valley artikuliert die Ballade über das Lebens eines anderen mit  Respekt, Zurückhaltung und Empathie. Es ist stark genug, um Dich an einen Ort  Deiner Einsamkeit zu erinnern .

Nachdem Sie diese Dimensionen in der Musik gehört haben, möchten Sie am liebsten sofort all die Flöten und Streicher vertreiben und klar und deutlich hören, worum es bei Townes Van Zandt wirklich geht. Genau das passiert bei Live im Old Quarter, eine Aufzeichnung, die berechtigterweise als seine beste gilt.

Dies ist der Ort, an dem die Songs, die Sie gehört haben, wie ein Flüstern in all ihrer einzigartigen Pracht erblühen. Es ist plötzlich klar, dass Van Zandts Musik so aufgeladen ist, dass sie als Solo-Performance gehört werden muss. Diese aufgenommene Show öffnet die gesamte Landschaft. Songs, die im Studio halb erstickt worden sind, erweitern sich nun zu einem bemerkenswerten Terrain. Wenn man es hört, bekommt man den Eindruck, dass hier jemand zwischen sehr gefährlichen Extremen balanciert: Es gibt Lieder von Jubel und Freiheit – White Freight Liner Blues, To Live to Fly – und Lieder der trostlosesten Traurigkeit – Waitin around to die. Van Zandt hört sich hier an, als ob er diese ständige Berg- und Talfahrt, seine Highs und Downs  einfach in rohem, ungeschöntem Zustand vor uns ausbreitet. Und er nimmt dabei weder Rücksicht auf uns, noch auf sich selbst.

Nicht alles ist voller Traurigkeit. Obwohl nicht unmittelbar erkennbar, gibt es hier auch einen reichen Humor, der an den texanischen Blues-Meister Lightnin ‚Hopkins erinnert. Es war Hopkins bittersüßer Stil, der Van Zandt dazu inspirierte, dieser Musik nachzugehen, und die Nummern von Lightnin tauchen daher auch häufig auf den Live-Aufnahmen auf. Wenn Sie Live im Old Quarter aufmerksam lauschen , ist eine ungewöhnliche Entwicklung zu hören. Während seine Vocals und sein musikalisches Können zunehmend von einem unerbittlichen harten Leben gezeichnet sind, werden Van Zandts Songs immer stärker, je mehr Narben ihm die Jahre zufügen. Zum Beispiel wäre es wohl sehr schwierig, eine härtere Darstellung der grassierenden amerikanischen Armut zu finden als im Song Marie.

Während manchen Sängern die Fähigkeit zugeschrieben wird, zu den Charakteren zu werden, die sie darstellen, konnte es keiner mit dieser Empfindsamkeit vollziehen. Das Lied erinnert stark an Hank Williams Life’s Other Side mit dem zum Scheitern verurteilten Protagonisten, der Dir  unverwandt in die Augen schaut, während er seine trostlose Geschichte ausbreitet. Man fragt sich unwillkürlich, ob Dylan jemals den mitleidlosen Geist des Blues zu solch furchtbarem Effekt hätte heraufbeschwören können.

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Townes van Zandt starb in der Nacht des 31. Dezember 1996 in Smyrna Texas

Eine weitere, seltene Live-Aufnahme: Townes van Zandt – Abnormal erschien bei

c/o NORMAL MAIL ORDER – Bonner Talweg 276 – 53129 Bonn – Tel: 0228-220655

 

Kommentar von almathun:

 

Leider habe ich van Zandt nie live gesehen, bin eher zufällig auf ihn gestoßen, da war er aber schon tot. Townes Van Zandt war für einen Countrysänger ungewöhnlich intelligent, was sich in seinen Texten oft als schwermütige Ironie aber auch verhohlener Humor niederschlägt. Seine Sprache deutet darauf hin, dass er eine gute Bildung genossen und auch mal ein paar Klassiker gelesen hat. Leider war er nicht intelligent genug, die Drogen sein zu lassen, was ihn ja dann recht früh ins Grab befördert hat. Besonders sehenswert finde ich die wunderbar poetische Bio-Documentary „Be Here To Love Me“ von Margaret Brown. In Verbindung mit den Bildern wirkt die Musik noch eindrucksvoller. Die Kinder können einem leid tun.

Daniel Kramer: Bob Dylan 1965

A Year and a Day

Bob Dylan 

daniel kramer-bob dylanvon Newport bis Woodstock

Daniel Kramer

brauchte eine sehr lange Zeit  um Bob Dylan breitzuschlagen ein Termin für ein erstes FotoShooting zu vereinbaren. Es war Anfang 1964, einige Monate bevor Bob Dylan zum hellen Entsetzen der Folk-Puristen zur elektrischen Gitarre greifen sollte.

 Kramer, ein bekannter Fotojournalist, der sich auf Künstlerportraits spezialisiert hatte, wusste nichts von Dylan, bevor er ihn das  Lied The Lonesome Death of Hattie Carroll in der Steve Allen Show singen hörte.

„Dann fing ich an, regelmäßig Briefe zu verschicken und mit dem Büro von Dylans Manager Albert Grossman zu telefonieren um eine einstündiges Fotoshooting zu bitten“, erinnert sich Kramer. „Das Büro hat immer abgelehnt.“

Aber sechs Monate später, als Grossman selbst den Anruf  entgegen nahm, änderten sich plötzlich die Dinge. „Er sagte geradeheraus: „OK, komm nächsten Donnerstag nach Woodstock ‚“, erinnert sich Kramer.

bob Dylan - Highway 61 revisited

Bob Dylan – Highway 61 revisited – Foto: Daniel Kramer

Es sind schwarz-weiss Aufnahmen, die die vibrierende Atmosphäre und die explosive Aufbruchstimmung dieser Ära perfekt eingefangen haben und uns den Bob Dylan präsentieren, wie wir ihn am Beginn seiner stürmischen Karriere in Erinnerung behalten haben. Mit seiner eindringlichen Präsenz, seiner Entschlossenheit, Arroganz und Unberechenbarkeit, die auch seine Songs dieser Jahre auszeichnete, nachdem er sich geweigert hatte, die Fesseln der Folkmusik-Szene zu akzeptieren und mit einem beherzten Griff zur elektrischen Gitarre einige deutliche und harte Statements zum Stand der Dinge zu Gehör gebracht hatte. Highway 61 revisited nannte man dieses atemberaubende Album, Dylan kehrte der romantisierenden Folkszene den Rücken zu, nachdem er doch gerade wenige Monate zuvor zusammen mit der bereits berühmten Folk-Ikone Joan Baez, deren support er gern akzeptiert hatte, beim Newport Folk Festival die Bühne betreten hatte.

Von nun an war jedem klar, dass hier ein Künstler angetreten war, der sich von nichts und niemandem vereinnahmen lassen würde. Er schrieb und sang sogenannte „Protestsongs“ lehnte es aber in Interviews mit breitem Grinsen konsequent ab, als politischer Protestsänger abgestempelt zu werden. Nach seinem Leben befragt, erfand er die tollsten Geschichten und er log, dass sich die Balken biegen, wenn es darum ging seine Legende fortzuspinnen. Bob Dylan erfand sich scheinbar mühelos mit jedem  Song neu und hielt seine Fans und Kritiker immer schön auf Trab.

Dieser umwerfende, unbekümmerte Märchenerzähler  überraschte und verzauberte zu Beginn seiner Karriere seine Zuhörer ebenso wie er auf Anhieb schon beim ersten Fotoshooting den Fotografen Kramer in seinen Bann zog. Diese rasanten und auch bewegenden Fotografien sind wie das Logbuch eines atemberaubenden road-trips.

Ein großartiger Fotoband mit vielen bisher unveröffentlichten  Aufnahmen.

Bob Dylan – A Year and a Day – Daniel Kramer – Taschen Verlag – 310 Seiten mit teils großformatigen schwarzweiß-Fotografien.  ISBN 978-3-8365-7100-5

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Abbildungen: Taschen – Columbia Records

Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt

alexander von humboldt-rüdiger schaper-siedler verlagDer Preuße

und die neuen Welten

«Die Welt bedient sich Humboldts, um sich selbst kennenzulernen».

Vor allem lernt die Welt nach 1800 durch Humboldt den südamerikanischen Kontinent in seiner ganzen Vielfalt kennen. Diesem selbstbewussten Diener nicht nur seiner Epoche kommt man in Schapers lesenswertem Buch recht nahe, wenn auch selten so, dass man den Menschen Humboldt hinter dem berühmten Universalgelehrten wirklich kennenlernen würde.

Das Buch gewährt einem von Seite zu Seite immer wieder faszinierende Einblicke in das Schreiben und Zeichnen des unermüdlichen Forschers Humboldt. Nichts konnte diesem gelehrten und an allem interessierten Menschen zu gering oder zu merkwürdig sein, wie sich etwa an der überlegenen Sorgfalt zeigt, mit der er sich dem Körperbau des Wasserschweins widmete, und zwar von den Backenzähnen bis zu den Beinen.

Das Buch zeigt den polyglotten Humboldt auch als Menschenfreund, der er durchaus war. Aber eindrucksvoller noch als überagenden Wissenschafter seiner Zeit, der eine neue Art der wissenschaftlichen Betrachtung des Menschen und überhaupt der «Phänomene des Lebens» im Zusammenhang mit der unbelebten Natur schuf, lange bevor in Europa die «Ökologie» ihren Platz im Bewusstsein der Menschen fand.

Sehr interessante und lesenswerte 284 Seiten, die uns Rüdiger Schaper hier vorlegt und die verführen, mehr über diesen universalen Menschen und Forscher Humboldt zu erfahren.

Rüdiger Schaper – Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten – Siedler Verlag – 284 Seiten – ISBN 978-3-8275-0074-8